Samstagfrüh. Ich wache ganz langsam auf, ohne Wecker, der Rest der Familie schläft noch. Stille. Schon durch meine geschlossenen Augen nehme ich die Helligkeit wahr und muss lächeln. Ich hatte drauf gehofft, dass es die Nacht über schneien würde und der Schnee auch mal liegen bleibt. Endlich!

Langsam öffne ich die Augen und gewöhne sie vorsichtig an das ganze Licht. Ungewohnt.

Das schwarze Dach des Hauses gegenüber, auf das ich vom Bett aus blicke,  ist von einer richtig dicken Schneeschicht bedeckt, zwei Krähen sitzen darauf und schauen sehr irritiert. Zur Hälfte sind sie eingesunken, ihr Gesichtsausdruck erinnert ein bißchen an René Mariks Maulwurfn ( „äh… äh…  kalten, kalten“), ihre Blicke wandern etwas ratlos über die weiße Welt, ab und zu schauen sie vorwurfsvoll nach oben.

Das Dach ist so weiß, dass man den Übergang zum grauweißen Himmel nur erahnen kann. Ich kann mich gar nicht sattsehen.
Warum ist das so?

Nun, zum einen vermutlich, weil in mir immer noch ein altes Kind wohnt, dessen Gedankenkarussel sofort anspringt, sobald auch nur eine winzige Flocke vom Himmel segelt. „Schlitten fahren!“ ruft es dann in mir, „Schneemann! Schneeengel! Schneeballschlacht! Schlitterbahn!“ Es ist eine ganze Lawine feinster Kindheitserinnerungen, die an diesem Wetter hängt, und wenn ich die Augen schließe, höre ich meine rotblauweißen Moonboots durch den Schnee knirschen, ich ziehe den Schlitten nach oben, wieder und wieder, wenn die Laterne angeht, muss ich nach Hause. Eigentlich. Ich weiß noch, einmal war die Laterne kaputt, das war super, da bin ich mit gutem Gewissen am Rodelberg geblieben, bis es stockfinster war und meine Eltern mich holen kamen.
Das ist wie bei Fabiennes Schülerinnen und Schülern, die machen auch mit allerreinstem Gewissen ihre Hausaufgaben nicht, wenn sie sich bei ihrer Mail an die Klasse mal wieder vertippt und statt „noch“ „nich“ geschrieben hat. „Folgende Aufgaben müsst Ihr zu morgen nich erledigen.“ Steilvorlage.
Doch ich schweife ab.

Ich schaue also noch eine Zeitlang glücklich aus dem Fenster und als ich wenig später durch den Park spaziere, bin ich nicht verwundert, dass ich nicht die Einzige bin, die sich an diesem Zauber erfreut.
An der Goebenwiese bleibe ich stehen und lasse den Blick schweifen.

Gerührt beobachte ich Eltern, die völlig versonnen und mit viel Hingabe in den Bau von Schneemännern vertieft sind. Hier noch eine Möhre, da noch ein Stöckchen, während ihnen die Kinder entweder mit Zurückhaltung und gelangweiltem Gesichtsausdruck zur Hand gehen – oder schon ein paar Meter weiter auf einem Baumstamm sitzen und mit Smartphone in der Hand geduldig warten, bis Mama und Papa genug gespielt haben. Ich erkenne mich wieder. Beim Plätzchenbacken mit den Kindern bin ich genauso.

Weiter hinten am Hügel sehe ich manches kleine Kind dick eingepackt auf einem Schlitten sitzen. Einige schauen dabei ähnlich irritiert wie die Krähen vorhin auf dem Dach, vielleicht ist es ihr erster Schnee. Andere sausen schon jauchzend den immer grüner und brauner werdenden kleinen Hügel hinunter.

Schlitten fahren. Die Redensart „Mit Dir fahr ick Schlitten“ kommt mir in den Sinn, eine Art Drohung, die ich als Kind jedoch nicht verstand, denn ich fand das ja eigentlich immer ganz schön, wenn jemand mit mir Schlitten fahren wollte.
Aber als kleines Kind dachte ich ja auch, dass mit dem blauen Himmelszelt, an dem alle Sternlein stehen, das alte blaue Zelt gemeint war, mit dem die Hauswartsleute immer zum Campen fuhren und das wir manchmal zum Spielen im Hof aufbauen durften. Noch heute habe ich den Geruch von Siebzigerjahre-Plastik in der Nase, wenn ich diese Melodie höre…

Nachmittag. Die Gemüsesuppe köchelt vor sich hin, ich schaue aus dem Fenster. Tauwetter. Das Schwarz und Grau wird langsam wieder sichtbar, sogar die Krähen gucken ein bißchen enttäuscht. Vielleicht schneit es ja heute Nacht nochmal. Eine Mohrrübe habe ich sicherheitshalber übrig gelassen.

(C) Susanne Riedel, Februar 2021

Lesestoff im Februar: Susanne Riedel – Tapetenwechsel

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