Sonntagnachmittag, es beginnt allmählich zu dämmern. Ich bin allein und habe es mir gerade im Fernsehsessel gemütlich gemacht, da klopft es leise an die Terrassentür. Draußen im kalten Wind steht Jochen und lächelt verlegen, als ich sofort aufstehe und ihm öffne. Jochen ist ein guter Bekannter aus der Nachbarschaft. Man hält ab und zu ein Schwätzchen, trinkt im Sommer auch mal ein Bier zusammen oder trifft sich auf Dorf- und Gartenfesten, aber ein Besuch untereinander ist selten. Wenn er am Sonntagnachmittag einfach so bei mir auf der Matte steht, muss er was auf dem Herzen haben. Wahrscheinlich, denke ich, bin ich nicht der erste, bei dem er anklopft. Aber da zur Zeit nur ein Besucher pro Haushalt erlaubt ist, kann man nicht wählerisch sein.

„Grüß dich“, sagt er und schaut betreten auf seine Füße. „Kann ich reinkommen, oder …“

„Nee“, antworte ich, „komm ruhig rein. Es ist sonst keiner da. Deine Schuhe kannst du anlassen.“ Ich biete ihm einen Stuhl an und erkläre ihm, dass Sabine mit ihrer Mutter unterwegs ist und ich auch sonst niemanden erwarte. „Willst du was trinken?“

„Ein Schnaps wär jetzt gut“, sagt Jochen und setzt sich. „Nur einen, aber den groß.“

„Whisky oder Wodka?“

„Gern einen Whisky“

Ich schenke ihm einen großzügigen Dalmore ein und nehme mir selbst ein Bier. Damit wären die Formalitäten erledigt.

Jochen nimmt einen guten Schluck, atmet tief durch, und langsam verschwindet der leidende Ausdruck aus seinem Gesicht. „Der war jetzt gut“, sagt er, lehnt sich zurück und spricht: „Ich hatte gerade einen Riesenkrach mit Anke. Wegen einem Scheiß!“

„Ui. Was ist passiert?“

Jochen nimmt noch einen kleinen Schluck Dalmore und beginnt zu erzählen: „Es ist eigentlich lächerlich. Also: Ich wechsele nicht so gerne die Klorolle.“

„Niemand wechselt gern die Klorolle“, werfe ich ein.“

„Ja, genau. Ich versuche also möglichst, nicht bis zum letzten Blatt zu kommen, wenn ich auf dem Klo bin. Denn wer das letzte Blatt verbraucht, muss die neue Rolle einspannen. Manchmal geht es nicht anders, man will ja sauber sein, aber wenn es irgend geht, brauche ich die Rolle nicht auf.“

„Geht mir genauso“, gebe ich zu.

„Eigentlich ist es nicht schlimm, die Rolle zu wechseln. Es macht zwar keinen Spaß, aber schwierig und kompliziert ist es eigentlich nicht. Ich mache es nur nicht gern.“

„Und deshalb muss es jedes Mal Anke machen“, ergänze ich.

„Ja. Und heute, nach über zwanzig Jahren Ehe, stellt sich heraus, dass Anke es ebenfalls sehr ungern macht. Sie hasst es geradezu.“

„Und deshalb hattet ihr heute Zoff“, stelle ich fest.

„Und wie!“ Langsam trinkt Jochen seinen Whisky aus, und ich biete ihm noch einen ein.

„Nee“, sagt mein Nachbar, „wenn ich nachher besoffen nach Hause komme, macht es die Sache auch nicht besser. Aber ein Bierchen könnte ich noch trinken.“

Ich stelle ihm ein Budweiser hin und sage: „Und das war alles?“

„Na ja“, druckst Jochen etwas herum, „es kam dann noch alles mögliche auf den Tisch. Die Sache mit dem Kaffee zum Beispiel.“

Ich frage nach.

„Also: Wir haben unseren Kaffee immer in einer Kaffeedose. Und wenn der alle ist, muss man eine neue Vakuumpackung aufmachen und da reinfüllen. Da verschüttet man dann leicht was, und das muss man auffegen, und es ist alles nicht schön. Nicht schlimm, aber ich mache es eben nicht gerne. Deshalb sehe ich zu, dass ich nie den letzten Kaffee in der Dose aufbrauche, weil ich sie dann auffüllen müsste. Da verzichte ich sogar lieber auf Kaffee und mache mir einen Beuteltee.“

„Guck mal an“, sage ich, „da haben wir schon wieder was gemeinsam.“

„Und Sabine hat deshalb noch nie Zoff gemacht?“

„Nee“, sage ich. „Vielleicht wechselt sie gern die Klorolle. Wir haben da noch nie drüber gesprochen. Aber ich glaube, das war bei Anke nur sowas wie ein Auslöser. Irgendwas sitzt da tiefer. Und dieser ganze Corona-Mist kommt ja auch noch dazu.“

„Kann sein“, grummelt Jochen. „Da muss ich mal, wenn es sich etwas beruhigt hat, mit ihr drüber reden.“ Er nimmt einen großen Schluck Bier und denkt sichtbar nach. „Sag mal, gibt es bei euch etwas, was immer nur du machst?“

„Bestimmt“, sage ich und überlege ein Weilchen. Dann fällt mir etwas ein. „Ich stelle immer die Mülltonnen und die gelben Säcke raus. Und das Altglas bringe auch immer ich zum Container.“

„Das ist bei uns genauso“, sagt Jochen und fängt an zu lächeln.

„Gut“, sage ich schnell, „aber das musst du ihr ja jetzt nicht auf den Tisch knallen.“

„Nee, auf keinen Fall“, erklärt mein Nachbar. „Aber es ist doch gut, wenn man was in der Hinterhand hat.“

„Sei bloß vorsichtig“, mahne ich.

„Klar“, sagt Jochen, trinkt zügig sein Bier aus, bedankt sich und verschwindet mit forschen Schritten in den von vereinzelten Lichterketten leicht erhellten Vorabend.

Wenig später kommt Sabine nach Hause, und ich erzähle ihr von dem Gespräch mit Jochen. Sie lacht und bittet mich, eine Flasche Kirschlikör mitzubringen, wenn ich das nächste Mal in den Hauswirtschaftsraum gehe. Und fügt erklärend hinzu: „Für den Fall, dass Anke vorbeikommt.“

(C)Andreas Scheffler, Januar 2021

Lesestoff im Januar: Andreas Scheffler – Bombastische Scharmützel

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