Sonntagnachmittag. Mein Kumpel Herbert hatte nach einem Spaziergang an meine Terrassentür geklopft, während draußen die dünne Schneedecke zu einem eiskalten Matsch zusammentaute. Vom Schuppendach tropfte es stetig, und die feuchte Luft sorgte für eine in den Kragen kriechende Unbehaglichkeit.

Nun sitzen wir gemütlich bei einem Tee im Wohnzimmer. Der Kaminofen strahlt eine beruhigende Wärme aus, und alles scheint perfekt.

„Nur eine kleine Sache fehlt noch“, sagt Herbert grinsend und deutet auf seine Teetasse. Ich verstehe sofort und hole ihm aus dem Küchenschrank eine Flasche Rum, aus der er sich einen guten Schuss in sein Getränk gießt.

„Sag mal“ beginnt mein Freund, „guckst du eigentlich gern Tom und Jerry?“

„Tom und Jerry sind klasse, besonders die älteren Filme“, sage ich.

„Ja, finde ich auch. Da ist immer ordentlich was los. Das hab ich auch letztens erzählt, als ich bei Jochen und Anke war. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind. Jedenfalls meinte Anke da, ich solle endlich mal erwachsen werden. Das fand ich ziemlich bescheuert.“

„Ist auch bescheuert“, sage ich.

„Was heißt das überhaupt: erwachsen?“, empört sich Herbert und nimmt einen kräftigen Schluck Tee.

„Na ja“, sage ich und überlege kurz. „Biologisch gesehen, ist man ab der Geschlechtsreife erwachsen; rechtlich ab 18, aber das Jugendstrafrecht gilt unter Umständen bis 21.“

„Ich kenne genug Leute über 40, die sind naiver als mein 16jähriger Neffe“, sagt mein Freund.

„Tcha, irgendwo musste man ja einen Strich ziehen“, sage ich und stelle mich für eine Zigarette in die Terrassentür. „Ich glaube“, fahre ich nach ein paar Zügen fort, „wir beide, zum Beispiel, werden nie richtig erwachsen. Denn Erwachsensein ist ja eine Denk- und Lebensweise. Und die entwickelt man nur, wenn man eigene Kinder hat. Wegen der Verantwortung, die man dann hat. Die Kinder klauen einem quasi zumindest ein gutes Stück der Kind- und Jugendlichkeit.“

„Das gilt aber auch nicht für alle“, wirft Herbert ein.

„Nee, nichts gilt für alle“, sage ich. „Man kann auch ohne Kinder verantwortungsbewusst sein und trotzdem Spaß an Tom und Jerry haben. „

„Und man kann Kinder haben und gleichzeitig nichts auf die Reihe kriegen.“

„Das ist wieder die Sache mit dem Führerschein für Eltern. Aber das ist einfach rechtlich nicht machbar. Geht nicht“, sage ich, drücke meine Zigarette aus und überlege, ob ich den Begriff der Quadratur des Kreises aufs Tapet bringen sollte.

„Kann man wohl nix machen“, sagt Herbert in und gießt sich noch etwas Rum nach. „Mal was Anderes: Wie lange wollt ihr eigentlich noch euren Weihnachtsbaum draußen stehen lassen?“

Damit ist ganz offensichtlich der Ernst des Lebens für heute abgehakt

„Genau genommen“, erkläre ich, „ist es gar keim Weihnachtsbaum mehr, sondern nur noch eine beleuchtete Tanne. Und die kann da ruhig stehen bleiben, bis sie nadelt.“

„Und die bunten Lampions an der Terrasse?“

„Wahrscheinlich bis sie kaputt gehen“, stelle ich lachend fest.

„Ich meine nur“, sagt Herbert, „ich hab schon gehört, dass manche im Dorf euer Haus Villa Kunterbunt nennen.“

„Ist doch super!“, rufe ich begeistert.

In dem Moment kommt Sabine aus dem Obergeschoß, auf dem Kopf ein Paar Hasenohren.

„Die hab ich gerade in einem alten Karton gefunden“, sagt sie und begrüßt Herbert. „Habt ihr Lust auf ein Glas Sekt?“

Mein Kumpel sagt nicht nein. Auch nicht, als Sabine den Würfelbecher und die Kniffelzettel hervorholt. Ich gewinne mit Abstand. Gegen sieben schalten wir die Tom und Jerry Show auf Super RTL ein. Als der Bulldogge Spike eine Zigarre mitten im Gesicht explodiert, lachen wir uns schlapp.

(C) Andreas Scheffler, Januar 2021

Lesestoff im Januar: Andreas Scheffler – Herbert und das Erwachsenwerden

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