Donnerstagvormittag. Silvester. Ich gehe mit meinem Sohn zum Bäcker. Wir nehmen die Wege durch die Nebenstraßen, zum Bäcker Mälzer ist es eine halbe Stunde Weg, doch das nehme ich gerne in Kauf. So viele Bäckereien mit eigener Backstube gibt es schließlich nicht mehr und ich lasse mein Geld lieber dort als bei den großen Ketten.

Ich kann Geburtstag ohne Geschenke.
Ich kann Weihnachten ohne Tanne.
Ich kann Silvester ohne Böller.
Aber auf keinen Fall kann ich Silvester ohne Pfannkuchen.

Mein Sohn wird heute Abend zu seinem Kumpel Malte gehen und mit ihm reinfeiern. „Bring doch Pfannkuchen mit, für Euch beide und Maltes Eltern“ biete ich ihm an.
Gute Idee, erwidert er und hat bereits eine Whatsapp-Nachricht getippt und verschickt, bevor ich meinen Satz beendet habe. Ohne Hingucken, versteht sich. Diese Generation ist einfach krass. Andererseits –

„Ruf doch lieber an“ sage ich, „dann weißt Du gleich Bescheid, ob´s passt“. Er runzelt die Stirn und schaut mich an als hätte ich ihm gerade etwas sehr, sehr Verrücktes vorgeschlagen.
„Wir telefonieren nicht“ sagt er, „das macht man in unserer Generation einfach nicht mehr. Aber ok, ich schick ihm mal ne Sprachmemo, dann geht´s meistens etwas schneller mit der Antwort.“
Gesagt getan. Wir laufen weiter und hängen unseren Gedanken nach.
„Wußtest Du“ ,frage ich ihn, „ dass es in meiner Jugend auch eine Zeit gab, wo wir uns Sprachmemos hin- und hergeschickt haben?“ Erstaunt sieht er mich an. „Ja“ sage ich, und bin ein bißchen stolz, dass ich ihn auch mal mit was beeindrucken kann. „Und kaum dass man sie rausgeschickt hatte, traf schon die Antwort ein. Das war ungeheuer praktisch. – Wir nannten es Telefonieren…“

Er rollt die Augen, wir laufen weiter. Als sein Smartphone vibriert, schaut er aufs Display. „Und?“ will ich wissen.
„Malte schreibt, das heißt Berliner.“
Diesmal rolle ich die Augen. Ein altes Problem.
„Kommt Malte nicht aus Berlin?“ will ich wissen.
„Malte schon, aber seine Eltern nicht. Ich glaub die sind aus Essen. Solche sprachlichen Eigenheiten halten sich ja manchmal noch über Generationen“ doziert er. Mit sowas hatten sie sich vor ein paar Monaten in der Schule beschäftigt, als es um Kulturen und Wurzeln ging.

Zum Abschluss des Themas war ein Klassenfoto gemacht worden, für das jede Schülerin und jeder Schüler ein Symbol für die eigene Nationalität oder die der Eltern und Großeltern mitbringen sollte.
Da war ganz schön was los auf dem Foto. Manche waren in traditionellen Gewändern gekommen, ein Junge in persischer Hochzeitstracht, ein Mädchen im Sari, ein anderer im italienischen Fußballtrikot. Einer hielt eine russische Ikone in die Höhe, ein paar andere schwenkten Fahnen. Mein Sohn –

Naja, es war ihm halt mal wieder zu spät eingefallen, dass er was für den Tag mitbringen sollte, um genau zu sein, 5 Minuten vor dem Losgehen. Es musste sehr schnell gehen. Auf dem Foto sieht man ihn deshalb mit einer Kartoffel in der einen Hand und einer Packung Sauerkraut in der anderen.
Und wenn ich es heute so angucke – auf irgendeine Art ist das schon sehr stimmig mit dem Nationalgefühl in unserer Familie.

„Bei Malte heißen die Pfannkuchen Berliner, und Nico schrieb neulich was von Krapfen. Ich dachte erst, er hätte sich vertippt, und redet über Fische. Ist ja auch so n Silvesterding, oder?“

„Und bei Ela heißen Pfannkuchen Kreppel“ ergänze ich schulterzuckend.  „Egal. Schreib Malte einfach, wir gehen jetzt Pfannkuchen kaufen. Er soll Bescheid sagen, ob er einen will. Ein echter Berliner würde ihm einen kaufen.“
„Und eine Berlinerin bezahlen“ ergänzt er. „Müßte man die beim Bäcker dann nicht eigentlich auch gendern? Also: Berlinerinnen und Berliner?“ fragt er.
„Lass uns einfach bei Pfannkuchen bleiben“ seufze ich. Er grinst.

„Malte will mich ja eigentlich nur aufziehen. Wir haben uns

Im Klassenchat schon darauf geeinigt, dass wir die Dinger künftig einfach Marmeladendöner nennen.“

Man kann es drehen und wenden wie man will. Ich glaube, in punkto kreative Problemlösung können wir von dieser Generation noch eine Menge lernen.

(Susanne Riedel, 31.12.2020)

Lesestoff im Januar: Susanne Riedel – Jahresendzeitgebäck

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Ein Gedanke zu „Lesestoff im Januar: Susanne Riedel – Jahresendzeitgebäck

  1. Hallöchen,

    wieder was zum Schmunzeln, toll geschrieben…
    zu den Berlinern: NRW + SH heißen die so (eigene Erfahrung), dachte nur in Berlin und Umgebung nennt man die nur Pfannkuchen, ansonsten halt „Berliner“, was soll´s, schmecken sollen sie. Wäre mal interessant, wie die Dinger in anderen Regionen heißen…

    Unter Krapfen stelle ich mir eigentlich was anderes vor.

    Marmeladendöner kam mir auch schon unter bei meinem Sohn:-)

    bleib negativ!

    Liebe Grüße
    Reinhard

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