Freitagnachmittag. Ich nutze gerade eine Regenpause, um Kaminholz vom Unterstand ins Haus zu tragen, da biegt Herbert um die Ecke, fuchtelt wild mit den Armen und scheint sehr aufgeregt zu sein. Nichts Ungewöhnliches also.

„Du glaubst es nicht! Du glaubst es einfach nicht!“, ruft er schon, als er in den Weg zu meinem Garten einbiegt.

Ich stelle meine Holzkiste ab, gehe auf ihn zu und hebe beschwichtigend die Arme. „Hallo, Herbert. Komm doch erstmal rein und setz dich. Willst Du’n Schnaps?“

„Ja, nein; ach, ja, doch, aber nur einen.“ Er setzt sich mit mir in die Wohnküche, und noch während ich den Moskovskaja aus dem Kühlschrank hole, platzt es aus ihm heraus: „Der Hotte ist verhaftet worden, die haben den mitgenommen!“

„Den Hotte vom Anglerverein? Ist der nicht sogar Vorsitzender?“

„Der war Vorsitzender. Vor einem halben Jahr haben wir ihn abgewählt. Der ist in letzter Zeit immer verrückter geworden. Hat gemeint, der Pangasius würde hier einwandern und die deutschen Fische verdrängen. Hab ich dir doch erzählt. Jedenfalls war der Hotte nicht mehr zu halten. Und da hat eine knappe Mehrheit ihn nicht widergewählt.“

„Das war sicher ein Schlag für ihn“, sage ich.

„Klar“, bestätigt Herbert und kippt seinen Schnaps. „Der Anglerverein war sein Leben. Das war wie mit’m Holzhammer auf’n Kopp. Danach hat er noch mehr gesoffen als sonst schon.“ Wie auf’s Stichwort gießt sich Herbert selbst noch einen ein. Ich biete ihm einen Tee an, aber er lehnt ab.

„Und wieso ist er jetzt verhaftet worden?“, frage ich.

„Der hat bei Penny an der Kasse randaliert. Wie ein Bekloppter!“

„Wieso das denn?“

„Ou, das ist ne längere Geschichte. Willst du nicht auch’n Schnaps?“ Ich lehne ab und hole mir stattdessen ein Bier.

„Also“, fängt Herbert an, „der Hotte ist zwar schon lange Rentner aber fährt noch nebenbei schwarz Taxi. Also wenn einer sagt Hol mich Samstagnacht um zwei von der Party ab und sowas. Und da bleibt er auch immer nüchtern; da kennt der nix. Hat wohl in Flensburg auch schon gut was auf’m Konto wegen Zu-schnell-Fahren und sowas. Aber besoffen Autofahren macht er nicht.“

„Erstaunlich“, werfe ich ein.

„Ja, genau. Wenn Hotte einen getrunken hat, fährt er immer Fahrrad oder geht zu Fuß. Und jetzt war er wohl letztes Wochenende mit seiner Doppelkopfrunde bei Achim in Klein Köris, und da haben sie gebechert, als gäbe es kein Morgen.“

„Ja, das ist üblich“, sage ich und nehme einen Schluck Bier, während Herberts Vorsatz mit dem einen Schnaps vollends den Bach runtergeht. Er schenkt sich nach und fährt fort: „Von Paul weiß ich, dass Hotte an dem Abend nur Pech hatte. So gegen drei ist er dann wohl hackevoll auf sein Fahrrad gestiegen und nach Hause gefahren. Aber nicht auf’m Radweg, sondern mitten auf der L 742. Ha ham se ihn dann erwischt.“

„Wer?“

„Na, die Polizei. Du weißt doch: Haste Scheiße am Fuß, …“

„… haste Scheiße am Fuß“, ergänze ich. „Hat Andy Brehme gesagt.“

„Genau. Die haben natürlich sofort gesehen, dass Hotte ordentlich getankt hatte. Also musste er pusten. Über zwei Promille.“

Ich bin beeindruckt. „Woher weißt du das überhaupt?“

„Wir wohnen auf’m Dorf“, sagt Herbert. „Das spricht sich rum. Was ich gehört habe schwankt zwischen 2,2 und 3,5.“

„Oh, das wird teuer“, sage ich.

„Genau“, sagt Herbert. „ich hab nachgeguckt. Ab 1,6 Promille kostet das drei Punkte, MPU und Geldstrafe. Wie hoch, weiß ich nicht. Und MPU heißt doch Medizinisch-Psychologische Untersuchung. Das packt der Hotte im Leben nicht! Und ne Verwarnung hat er wohl auch noch gekriegt, weil er rumgetobt haben soll, als sie ihm gesagt haben, er müsste jetzt sein Fahrrad nach Hause schieben.“

„Der hat wohl gedacht, auf dem Fahrrad ist es egal, wie blau man ist.“

„Klar. Und jetzt dachte er, alle hätten ihn aufm Kieker. Schon seit seiner Abwahl als Vorsitzender. Unter der Woche ist ihm wohl aufgegangen, dass er jetzt auch  seine Pappe los ist. Er war ja schon kurz davor. Also Schluss mit’m Schwarztaxi. Bodo sagt, er hätte die ganze Woche durchgesoffen und sich immer mehr da rein gesteigert, dass sich alle gegen ihn verschworen hätten. Das ging wohl in seinem Kopf immer hin und her.“

„Na ja, leid tut er mir trotzdem nicht“, sage ich.

„Nee“, sagt Herbert, „nicht der Hotte. Jedenfalls war er auf 180, und das bei seinem Blutdruck. Gestern ist er dann bei Penny gewesen und wollte sich ein paar Flaschen Braunen kaufen. Und dann an der Kasse …“

Bei mir geht sofort ein Licht an und ich fasse mir an die Stirn. „Ich ahne es“, sage ich.

„Ja? Also, der Hotte legt seine Flaschen aufs Band, die werden eingescannt, die Kassiererin sagt ihm, was es kostet, er bezahlt, und dann fragt sie …

… „Sammeln sie Punkte?“

„Ganz genau. Und dann ist Hotte ausgeflippt. Hat alles vom Band gefegt und wie wild um sich geschlagen. Die haben dann sofort die Polizei gerufen.“

„Und jetzt?“

„Keine Ahnung“, sagt Herbert. „Jedenfalls haben sie ihn erstmal abgeführt. Wahrscheinlich machen sie die MPU jetzt sofort.“

„So’n Pech“, sage ich, „dabei gibt es jetzt als Treueaktion bei Penny ganz niedliche Gesundgeheuer.“

„Was für Geheuer?“

„Gesundgeheuer.“

„Ah ja. – Tcha“, sagt Herbert und trinkt seinen Vodka diesmal ganz langsam, „so kann’s geh‘n.“

„Jau“, stimme ich zu, „so kann’s geh’n.“

(Andreas Scheffler)

Lesestoff im November – Andreas Scheffler: Hotte hat randaliert

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Ein Gedanke zu „Lesestoff im November – Andreas Scheffler: Hotte hat randaliert

  1. Hallöchen in die Runde,

    ja, so kann´s geh´n… „sammeln Sie Punkte…“ woher wusste die Kassiererin das nur :-)

    … bei Edeka wird man ja immer gefragt: „haben Sie die Deutschland-Card“ – darauf antworte ich meistens: „nein, ich nutze immer Google-Maps…“

    Manchmal versteht auch einer den Gag.

    (darfst das gern benutzen)

    Liebe Grüße
    Reinhard

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