Ich will nur noch eben ein paar Pakete und Briefe zum DHL-Shop beim Späti bringen, als ich zur Tür hinaus gehe sehe ich als erstes, dass unsere Straße schon wieder in Blaulicht getaucht ist. Vor der Kneipe haben wohl wieder ein paar Stammgäste im Pulk gestanden und Bier getrunken, nun hagelt es Ordnungsstrafen.
Ich halte mich selber recht penibel an Maskenpflicht und Abstandsregeln, aber wie ich nun beim Passieren in die traurigen, vor Einsamkeit strotzenden Gesichter der hockerlosen Trinker blicke, meldet sich dann doch mein Mitleid. Einige sehen aus als lebten sie allein, haben vielleicht nicht einmal jemanden zum Telefonieren. Oder wenigstens ein Kissen für die Ellenbogen am Fensterbrett.
Ich seufze. Manchmal ist es so eine Sache mit der Verhältnismäßigkeit.
Wir sehnen uns wohl alle nach der Zeit, als man bei AHA noch an Musik dachte.

„Wir werden den Weihnachtsmarkt auf der Zehlendorfer Dorfaue absagen“, sagte die Steglitz-Zehlendorfer Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski vor wenigen im Gespräch mit dem Tagesspiegel, auch eine verkleinerte Form werde es nicht geben. „Ein Weihnachtsmarkt, ohne dass man stehen bleiben und den Glühwein in Ruhe trinken kann, das ist nichts“, sagt sie.
Soweit kann ich folgen.
Aufgrund der Infektionszahlen, die sich im Laufe der letzten Woche auch hier im Bezirk verdoppelt haben, scheint mir das eine konsequente Haltung zu sein und – gemessen an allem, was z.B. der Berliner Kulturlandschaft oder oben genannten Kiezkneipen gerade widerfährt – eine überaus verschmerzbare Nachricht. Den Rest des Interviews überfliege ich deshalb nur – bis meine Augen kurz vor Ende der Seite ins Stolpern geraten, quasi eine Vollbremsung hinlegen, um nochmal ein paar Zeilen zurückzuwandern:
„Glühwein wird es allein vor dem Forum Steglitz geben“, sagt da nämlich Frau Richter-Kotowski. „Vor dem Forum Steglitz werden wir eine reduzierte Variante ohne Verweilqualitäten aufbauen lassen, weil…“, gebannt lese ich weiter, jetzt bin ich wirklich gespannt, und dann kommt sie, die Begründung: „ …weil dort einfach mehr Publikumsverkehr ist“.

Ja nee, is klar.
Super Idee.
Wir schließen die Theater und öffnen die Glühweinstände. Aber nur da, wo richtig viel los ist.

Manchmal möchte ich nur noch schreien. Aerosolmaximal schreien, so hat es ein Freund neulich ausgedrückt, das hat mir gefallen.

Neue Worte schleichen sich ein in unsere Sprache.
Verweilqualitäten, auch so ein Wort.

Tanzlustbarkeiten, fast ausgestorben, nun nachzulesen in jeder neuen Verbotsrunde auf der Seite der Senatskanzlei. Tanzlustbarkeit. Ich mag das Wort mit jedem Mal lesen mehr, es klingt für mich nach verruchter Zwanziger Jahre-Ausgelassenheit, nach Glitzermasken, und Charleston, nach Welleneisen und Prohibition, Zigarettenspitzen, Schwarzmarkt und Genuss. Ja, ich glaube, wenn ich im nächsten Jahr meinen Geburtstag feiern darf, dann werde ich zu einer Tanzlustbarkeit einladen.

Was gibt es noch für Worte?

Im September, als die Bühnen wieder öffneten, hörte man plötzlich überall das Wort coronaausverkauft. Dann strahlte der gebeutelte Bühnenbetreiber wie ein Honigkuchenpferd und rief uns schon von fern entgegen „Ausverkauft!“ – um im Näherkommen, einem Scheinriesen gleich, mit etwas matterem Lächeln hinterherzuschieben „Also – coronaausverkauft.“

Auch hörte ich neulich im Zusammenhang mit einer ausgefallenen Veranstaltung jemanden sagen: der Termin wurde coroniert. Auch ein Wort, das Potenzial hat, uns noch eine Weile zu begleiten.

Ach ja, und dann ist da natürlich noch der Salamilockdown.
Salamilockdown ist das, was derzeit an den Schulen passiert: Klasse für Klasse geht in Quarantäne, sobald ein konkreter Infektionsverdacht besteht, und damit dann immer auch alle Lehrerinnen und Lehrer, die in den Tagen zuvor in der Klasse unterrichtet haben. Was wiederum zu Unterrichtsausfall in allen anderen Klassenstufen führt. Scheibchenweise.
„Seien wir mal ehrlich“ schrieb der Schulleiter „wenigstens findet überhaupt noch irgendeine Form von Unterricht statt.“ Mehr sei im Moment nicht drin.
Mein Sohn sagt, Unterricht würde er es jetzt nicht nennen, aber ja, besser als nichts. Das wird ein lustiger Endspurt zum Abi. Später heißt das dann bestimmt Corona-Abi, aber sei es drum. Augen auf und durch.

Beim Späti angekommen will ich meine Großbriefe abgeben. Einer geht nach Frankreich. „Dis geht nich..“ sagt der sehr junge Mann am Schalter. Auch hier bin ich jetzt gespannt auf die Begründung, und hier kommt sie:

„Wir ham leider nur deutsche Briefmarken.“
Das ist das Beste, was ich seit Langem gehört habe, ich muss von Herzen lachen.
Aerosolmaximal lachen.

Danke dafür.

(Susanne Riedel, November 2020)

 

Lesestoff im November – Susanne Riedel: Aerosolmaximal

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