Novemberblues (light)

Wochenende, ein nasskalter Morgen. Feiner Regen touchiert zaghaft die Scheiben. Prasseln kann das nicht nennen, ein müdes Streifen eher. Nicht mal der Regen hat Charakter dieser Tage.

Während ich aufwache wandert eine Melodie durch meinen Kopf, ein Ohrwurm von gestern, der offenbar die Nacht überlebt hat. Und ich sag mal so, wenn eines der ersten Worte, die Dir am Morgen durch den Kopf gehen, Good Bye lautet, wirft das ja schon mal ein gewisses Licht auf den Gemütszustand.

From the day I went away / good byyyye…

Rocky Horror Picture Show, Musik meiner Jugend, ich hatte sie wirklich lange nicht gehört.
Ich stehe auf und setze Teewasser auf, dann suche ich die CD im Regal heraus. Etwas angestaubt ist das gute Stück, zerkratzt die Außenhülle von diversen Parties, aber innendrin tadellos. Ich drücke auf Play. CDs, denke ich, in Zeiten von Spotify und Co so überflüssig wie nur was, aber ich kann mich nicht so recht von ihnen trennen. Es wird sein wie mit den Wählscheiben oder Cassetten, bald wird keiner mehr wissen, wofür die gut sind. Nina hängt ihre inzwischen im Garten in den Baum, sie sagt, die Spiegelung verscheucht die Krähen.

Ich setze mich mit meinem Tee aufs Sofa und lausche den immer noch vertrauten Songs.

Und alles nur, weil ich gestern einen Coversong von Tenascious D gehört habe, den sie anlässlich der bevorstehenden US-Wahlen rausgehauen haben, um weitere Wähler zur Wahl der Demokraten zu bewegen. It´s just a jump to the left. Hoffen wir das Beste.

Aber auch sonst finde ich es irgendwie stimmig, sich in Zeiten wie diesen an einen Film zu erinnern, bei dem wir traditionell mit Tonnen von Klopapier um uns geworfen haben. Gott, was waren reich! Wir hatten ja keine Ahnung.

Ich erinnere mich außerdem, dass man an der Stelle, wo Janet durch den Regen läuft, immer eine Zeitung über den Kopf halten musste. Und wenn Frank N. Furter sagt „Ein Toast!“ werfen alle mit Toastbrot.
Haben wir eigentlich noch genug Toastbrot? frage ich mich an dieser Stelle. Der Lockdown Light steht immerhin bevor. Mit diesen Light-Produkten ist das ja so eine Sache, weiß man ja, es steckt im Grunde der gleiche Scheiß drin wie in den Nicht-light-Light-Produkten. ich inspiziere also lieber mal den Vorratsschrank.  Klopapier, reis, Mehl… Im Grunde ist das Nötigste da, um eine Weile über die Runden zu kommen, wie ich feststelle, macht es allerdings deutlich mehr Spaß, sich vorzustellen, dass sei einfach nur die gigantische Bevorratung für die nächste Rocky Horror Picture Show. Der Gedanke immerhin bringt mich zum Lächeln.

So funktioniert das mit der guten Laune, man muss da auch mal bereit sein, sich selbst ein bißchen zu behumsen. Ich werde einfach noch eine Wasserpistole und etwas Konfetti dazulegen, damit ich´s mir glaube.

Wegen der ständigen Anspannung, unter der wir wohl alle gerade stehen, hat Ela mir ihre Playlist für Progressive Muskelentspannung empfohlen, aber leider funktioniert das für mich irgendwie noch nicht so richtig. „Nehme Dir diese Zeit nur für Dich“ säuselt eine fast schon lächerlich tiefe Männerstimme, und eigentlich möchte ich den Sprecher die ganze Zeit anschreien „Es heißt nicht ‚Nehme‘ sondern ‚Nimm‘!“ … Ich muss einfach noch irgendwas finden, was mich so entspannt, dass ich dieses Entspannungszeug aushalte. Einstweilen probiere ich es mit einem ayurvedischen Kräutertee namens Stille und Harmonie.

Auf der CD derweil ist Frank N. Furter ist inzwischen in Höchstform, gerade erklingen die ersten Töne des Time Warp. Der Tee schwappt ein bißchen über, denn meine Hüften bewegen sich plötzlich von ganz allein im Takt und tun, als wüßten sie nichts von den letzten 30 Jahren.
Das Wort Tanzlustbarkeiten fällt mir ein, das ich neulich im Zusammenhang mit den aktuellen Alltagsbeschränkungen auf der Seite der Berliner Senatskanzlei gelesen habe. „Die Ausrichtung von Tanzlustbarkeiten ist weiterhin verboten.“

Ein Wort wie aus der Zeit gefallen. Ich glaube bei der Senatskanzlei weiß man noch sehr genau, was eine Wählscheibe ist. CD ist da wahrscheinlich noch Seife.

Ich stelle meine Teetasse auf dem Tisch ab, ein Zettel fällt mir ins Auge, den mein Sohn gestern aus der Schule mitgebracht hat. Also, das, was man derzeit halt so Schule nennt. In dem Merkblatt sind die Regeln erklärt, die man beachten soll, wenn ein Schüler Krankheitssymptome entwickelt, sprich: wann darf er in die Schule und wann nicht. Mit Fieber darf er auf keinen Fall, bei leichter Erkältung ohne Fieber schon. Besonders gut gefällt mir der Satz: „Bei einer laufenden Nase sind die Grenzen fließend.“ Da hat man doch direkt ein Bild.

Mein Blick fällt auf meine Tasse und auf den Zettel, der aus dem ayurvedischen Kräutertee hängt. „Sicher ist, dass nichts sicher ist.“ Willst Du mich eigentlich verarschen, denke ich bei mir, dann fällt mir wieder die progressive Muskelentspannung ein, die ich so dringend nötig habe, und ich reiße mich zusammen. Bei einer laufenden Nase sind die Grenzen fließend, das könnte man auch mal auf einen Teebeutel drucken, denke ich ein bißchen patzig.

Ich geh mal lieber einkaufen, beschließe ich. Skippe noch 3 Songs und hör mir den Good Bye-Song an. I´m going home, singen Frank und ich im Chor, I´m goin´ hooome… dann ziehe ich die Tür hinter mir zu.

Beim Supermarkt dann eine lange Schlange an der Kasse. Ich bin umgeben von Weihnachtsartikeln, stelle ich fest. Ein bißchen froh bin ich ja, ehrlich gesagt, dass ich keine ganz kleinen Kinder mehr habe, nicht zuletzt, weil ich damit rechne, dass in den Kitas und Grundschulen in diesem Jahr selbstbemalte Masken der Renner sein dürften. Die man dann tragen müßte.

Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Aufsteller mit den Adventskalendern und könnte schwören, dass der Weihnachtsmann auf dem Bild eine Rolle Klopapier in der Hand hat, bei nochmaligem Hinsehen ist es aber doch nur ein ausgerollter Wunschzettel.

Was macht diese Pandemie mit uns?! Aber immerhin, für den Bruchteil einer Sekunde habe ich mit dem Weihnachtsmann in meinem Kopfkino gesessen und Klorollen geworfen, das war eigentlich ganz schön. Vielleicht hat der Tag am Ende doch mehr Poesie als ich ihm zugetraut hätte.

(Susanne Riedel)

Lesestoff im November – Susanne Riedel: Novemberblues (light)

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