Große Jubiläumsgala  mit Pigor & Eichhorn am 30. Oktober:

(Eine Veröffentlichung dieses Artikels hatte die Berliner Zeitung zugesagt, dies aber offenbar verschlampt.)

JUBILÄUM

25 Jahre „Frühschoppen“

von Andreas Scheffler

Es war der 28. Oktober 1990, als der Frühschoppen, damals noch präsentiert von Dr. Seltsam, vor Publikum seine erste Vorstellung gab. Wir, allesamt aus dem Westen, durften in einem besetzten Haus im Osten Berlins unsere Sicht der Dinge zum Besten geben; im Café Subversiv, dem BesetzerInnencafé in der Brunnenstraße 7 zwischen Staub und Dreck auf Sperrmüllmöbeln. Wir sammelten für „Ein Klo für die Brunnenstraße“ und unser Honorar bestand aus einem halben Dutzend Flaschen Sekt, die wir während der Vorstellung austranken. Dass wir (Bov Bjerg, Hans Duschke, Horst Evers, Hinark Husen, Dr. Seltsam alias Wolfgang Kröske und ich) von Anfang an solchen Erfolg hatten, konnte nur oberflächlich überraschen. Einige von uns brachten Freunde aus der Uni mit, wo wir uns eine Weile mit Studentenkabarett austesteten, Seltsam hatte in der Kreuzberger Linksintellektuellenszene einen Namen, und die Presse, Zeitung wie Radio, stürzte sich gern auf diese scheinbar neue Subkultur. Zudem gaben uns die Wende, das besetzte Haus als politisches Gemeinwesen und der erste Golfkrieg genügend Stoff für bissige, komische und kontroverse Geschichten. Irgendwann offenbar zu bissig und lästerlich, denn nach einem halben Jahr flogen wir an einem Sonntag eine Viertelstunde vor Beginn der Show unter dem damals wieder sehr beliebten Sexismusvorwurf raus. Schließlich waren wir ausschließlich Männer und Jürgen Witte, der gerade zu uns gestoßen war, hatte die gerade eröffnete Beate-Uhse-Filiale um die Ecke als Kunstinstallation persifliert.

Diesen Rausschmiss – früher oder später – hatten wir erwartet und gaben unsere Vorstellung zwei Stunden später im Café Paz im Kulturhaus Mitte, wo wir unter der Obhut der liebevollen Wirtin Mara Moya auch für die nächsten fünf Jahre unser Domizil fanden. Wir lasen unsere Texte vor, wir sangen, spielten Theater und improvisierten – alles ohne zu proben. Und mit diesem „grandiosen Dilletantismus“, den uns ein Zeitungsredakteur, der uns offenbar sehr mochte, bescheinigte, kamen wir durch, spielten an jedem Jahrestag im vollen Chamäleon Theater und wurden sogar zu Gastspielen in der ganzen Republik eingeladen. Solch ein Erfolg kann anstacheln, er kann aber auch hochmütig und träge machen. 1994 verließen Hans Duschke und Bov Bjerg das Ensemble, weil sie sich mehr Experimentierfreude gewünscht hätten.

Wir anderen machten mit Bewährtem weiter und zogen 1996, weil es uns im Café Paz zu klein wurde, in die Kalkscheune um. Duschke, der in der Zwischenzeit mit Bjerg und Manfred Maurenbrecher die „Reformbühne Heim und Welt“ gegründet hatte, dort aber nicht glücklich wurde, kam zurück und Sarah Schmidt stieß dazu. Wir machten weiter. Das Weltgeschehen und das eigene, kleine, persönliche Erleben gaben uns die Themen vor. Eine neue Lesebühne nach der anderen gründete sich. Und wir begrüßten das. Wir sahen keine Konkurrenz, denn abgesehen von unserem Termin am Sonntagmittag haben wir ein Alleinstellungsmerkmal. Bei uns können die Kollegen in den gerade gelesenen Text reinquatschen, ohne dass der Interpret am Mikrofon verreckt. Wir absolvieren den Frühschoppen nicht, wir begehen ihn, auch wenn wir heute keinen Sekt mehr trinken.

2004 meinte der Kalkscheunenwirt aus heiterem Himmel: „Es rechnet sich nicht mehr“ und kündigte uns. Gleichzeitig nahm Dr. Seltsam, der es neben einer erfolgreichen Frau auf der Bühne nicht mehr aushielt, den Hut.

Heute sind wir schon mehr als zehn Jahre im Schlot zu Hause und fühlen uns wohl. Sarah Schmidt hat uns unlängst verlassen, weil sie sich aufs Romaneschreiben konzentrieren will. Wir sind nun die Alten der Lesebühnenszene. Immer mal wieder geben sich Zuschauer zu erkennen, deren Eltern schon bei uns waren. Das gibt ein gutes Gefühl und bräuchte es einen Anlass, nicht faul und träge zu werde, wäre dies einer. Tatsächlich sind wir nach wie vor nicht müde, uns über verquere Machtverhältnisse, strunzendoofe völkische Idioten, Verarschungen jeder Art und den alltäglichen Irrsinn aufzuregen. Zwischendurch freilich braucht das Herz auch ein wenig Harmonie. Am 30. Oktober feiern wir unser 25jähriges Jubiläum mit allerlei Schnickschnack und den Stargästen Pigor & Eichhorn.

30.10., 21.00 Uhr, Kunstfabrik Schlot,

Invalidenstr. 117

Eintritt: 15,-/10,-

Vorbestellungen:

Fon: 030 – 448 21 60

Web: www.kunstfabrik-schlot.de

 

Unser Programm im Oktober

Motto: 25 Jahre über Normal Null

Jürgen kennt die Wahrheit über die VW-Krise. Albert Rieder schrieb einst den Abgasbetrugscode und packt nun aus. Unglaubliches kommt da zum Vorschein.

Hans berichtet von Aggressivität und Impotenz durch die Einnahme von Drogen im Fitnesscenter. Daraus lassen sich Schlüsse auf das allgemeine Volksvermögen ziehen.

Horst raisonniert über die Entrauchungsanlage des BER. Niemand hatte überprüft, wie schwer die Dinger sind, wenn erstmal Rauch drin ist.

Hinark wendet sich endlich einmal wieder seiner Haus- und Hofthematik zu und berichtet vom alltäglichen Grauen in der Prenzlauer-Berg-Kita.

Andreas macht sich Gedanken über das Ausmaß des Reinlichkeitswahns und zu welchen Auswüchsen ein Putzfimmel führen kann. Seine Katze macht ihn schließlich zum Copinkler.

Birgit Breuer, unsere Verstärkung des Monats, kann hervorragend mit ihrer Stimme umgehen und bringt uns Manches bei über das Jazz-Singen und die Wichtigkeit von Moves.

Im Theaterstück (von Hinark Husen) tauchen in diesem Momat zwei Tote auf, die für allerlei Verwirrung sorgen.

Die Früh-Schopp-Boys singen einen Heimatsong über einen des Landes vertriebenen, der sich in der Fremde zurecht finden muss und schmettern ein revolutionäres Lied über die Verkommenheit der Industrievorstände und die eigenen Beruhigungsrituale angesichts des Elends.

 

Unsere Gäste im Oktober:

11.10.: Karl Neukauf

18.10.: Lari und die Pausenmusik

25.10.: Thilo Bock

Unser Motto im November: 25 Shades of Frühschoppen

Oktober 2015

Andreas Scheffler


Gütersloh, Berlin, Groß Köris


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