Neulich bin ich anlässlich meines Geburtstages gefragt worden, ob es eine Art roten Faden gäbe, der sich durch mein bisheriges Leben zieht.
Darüber denke ich seither nach, auch jetzt, während ich über den alten Bauernhof schlendere, durch die alte Scheune hindurch, dann den Hügel hinauf zu den Streuobstwiesen.
Von hier aus hat man einen atemberaubenden Blick auf das Brandenburger Nirgendwo, in das mich meine Sehnsucht nach Horizont heute verschlagen hat. Hier und jetzt halte ich einen geschätzten Mindestabstand von 1,5 km zum Rest der Menschheit ein, ganz freiwillig, es ist herrlich.
Auf der Wiese suche ich einen Lieblingsplatz, breite meine Jacke aus und drehe mich wie ein Hund dreimal um die eigene Achse, bevor ich mich niederlasse. Mit dem Rücken lehne ich an einem alten Apfelbaum. Die Art von Baum, die aussieht als hätte sie eine Menge zu erzählen. Ich schließe die Augen und lausche eine Weile.
Die Feldlerchen machen Rabatz, der Sound erinnert ein wenig an den jungen R2D2, auch die Kohlmeisen zwitschern und der Ruf eines Schwarzspechtes knattert durch die frische Luft. Alles ruft Ich! Ich! Hier!
Frühling, endlich.
Zufrieden blinzele ich in die Landschaft.
Weiter hinten am Hang erspähe ich Weidenkätzchen, stolz recken sie ihre Zweige in die Sonne. Ich gebe dem Impuls nach und laufe hin, um ihre frischen flauschigen Knospen anzufühlen. Ein herrliches Gefühl.

Und eine Erinnerung meldet sich…

Ich muss so vier oder fünf gewesen sein, es waren die Siebzigerjahre, die Zeit der bunten Kittelschürzen und bunten Tapeten, an Ostern kamen dann noch die bunten Eier dazu. Mit Hilfe meiner Mutter pustete ich sie aus, eins nach dem anderen, bis mein Kopf feuerrot war vor Anstrengung. Danach bemalte ich sie vorsichtig mit Tusche (die Eier, nicht meine Mutter), um nach dem Trocknen ein abgebrochenes Streichholz und einen Garnfaden durch das dünne Loch in der Schale zu winden.
Mindestens die Hälfte der Eier ging beim Auspusten zu Bruch, die Hälfte der Übriggebliebenen beim Streichholzeinfädeln.
Es gab viel Eierkuchen in dieser Zeit.
Ich liebte Ostern!

An einem Ostersamstag jedenfalls – ich war gerade aufgestanden, die Sonne schien – verkündete mir meine Mutter freudestrahlend:
„Sanni, heute gehst Du mit Papa in den Park und holst uns ein paar Kätzchen!“

Ich war sprachlos. „Wirklich??“ fragte ich nur, mit großen strahlenden Kinderaugen.
Die Osterzeit war ja auch immer die Zeit meines Geburtstags und wie überhaupt meine ganze Kindheit hindurch wünschte ich mir Jahr um Jahr nichts sehnlicher als ein Kätzchen. Und nun sollte ich gleich ein paar nach Hause holen!

„Gibt es denn welche im Park?“ fragte ich meine Mutter.
„Aber ja“ antwortete sie, „du musst nur ganz genau hinschauen! An den Büschen an der Bäke hab ich welche gesehen, und an der Rodelwiese auch.“
Ich wunderte mich zwar ein bißchen, wie mir das bislang entgangen sein konnte, aber ich war willens, ihr jedes Wort zu glauben.

„Kann man die denn einfach so mitnehmen?“ fragte ich weiter.
Meine Mutter antwortete mit einer Handbewegung, die signalisierte, dass man das wohl nicht so eng sehen dürfe. „Lasst Euch halt nicht erwischen“, fügte sie noch hinzu.

In Windeseile war ich angezogen und bearbeitete meinen noch etwas unausgeschlafenen Vater, bitte bitte bitte sofort mit mir loszugehen. Kätzchen holen. Im Park. Er ließ sich erweichen.
Mir fiel dann noch ein, wie schwierig es bei den Katzen meiner Tante war, sie einzufangen, wenn sie in der Urlaubszeit zu uns gebracht werden sollten. Für den Transport gab es so einen Weidenkorb mit einer Gittertür.

„Müssen wir denn nicht was mitnehmen zum Tragen, Papa“ fragte ich also, „einen Korb oder so?“
„Papperlapapp“, sagte er. Und dass wir die Kätzchen auch einfach so mit den Händen nach Hause tragen könnten. Mein Herz schlug immer schneller…

Das Ende vom Lied ist schnell erzählt. Als wir im Park ankamen, hielt ich überall Ausschau, inspizierte jeden Busch und jedes Baumloch.
Mein Vater wurschtelte derweil in den Zweigen herum, knickte ein paar ab, warum auch immer. Dann sagte er, wir könnten jetzt umkehren.
„Aber wir haben noch keine Kätzchen!!“ rief ich entsetzt. Er hielt mir die Zweige entgegen und guckte mich an als würde er an meinem Verstand zweifeln. Todtraurig schlurfte ich nach Hause.

Diesen Gesichtsausdruck meines Vaters bekam ich dann ein Jahr später gleich noch einmal zu sehen, und zwar bei meiner Tante Biggi, die mir bei unserm Besuch in Ost-Berlin ein Haus zeigen wollte. Einen Palast wie sie sagte. „Da sind überall kleine Lämpchen, soweit Du gucken kannst!“ hatte sie gesagt.
Wenig später standen wir im Lichtermeer des Palastes der Republik. Und ich fragte, wo die Lämmchen sind.

Wie gesagt. Den Blick, den sie mir schenkte, kannte ich da schon….

All das geht mir durch den Kopf während ich hier stehe und versonnen die Weidenkätzchen streichle.
Wenn mich das nächste Mal jemand nach dem roten Faden meines Lebens fragt: vielleicht sind es Missverständnisse wie diese, die sich bis heute hindurchziehen. Schon lange vor der Autokorrektur, die aus „Hannover“ „Hangover“ macht. Und aus „liebe Ilka“ „liebe Ölkatatrophe“.

Ich lasse die Zweige am Busch, hier sind sie besser aufgehoben als in der Vase daheim. Immernoch zwitschern die Feldlerchen, ein Rotmilan zieht seine Kreise. In der Ferne höre ich ein Schaf blöken. Vielleicht ist es auch ein Lämmchen.

(C) Susanne Riedel, März 2021

Susanne Riedel: Blauer Himmel, roter Faden

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