„Und dann hat die Kassiererin ihn quer durch den Laden angeschnauzt, dass er sich gefälligst die Maske wieder aufsetzen soll!“ erzählt mein Sohn, während wir den Einkauf zusammen auspacken. Er hat den Ordnungshüter von gegenüber beim bei Lidl getroffen. Eist viel mehr ein Exemplar der Spezies „selbsternannter Hüter der Ordnung“, die in anderen Bezirken vom Aussterben bedroht sein mag, aber hier in Steglitz noch sehr häufig in ihrem natürlichen Lebensraum anzutreffen ist.
Und das ist gut so.

Denn ohne ihn wüsste hier niemand in der Straße, wie man es richtig macht. Egal was.
Wie man einparkt (ordentlich), wie man sich vor der Apotheke richtig anstellt (in gerader Linie), wie man ein Fahrrad an der Laterne anschließt (gar nicht). Auch wenn Du nicht weißt, wie Du einen Eierkarton ordnungsgemäß entsorgst (in maximal briefmarkengroßen Stückchen) – das macht nichts, er trägt ihn aus dem Müll zur Dir zurück in den 4. Stock. Und erklärt es Dir genau.

Wir hatten mal kurz überlegt, ihm eine Schiebermütze mit der Aufschrift „Blockwart“ zu schenken, aber es steht zu befürchten, dass er das vielleicht falsch verstehen und sich am Ende darüber freuen könnte.

„Jedenfalls hat er gerade am Putzmittelregal gestanden als sein Handy klingelte“ erzählt mein Sohn weiter. „Er hat sich total erschrocken. Vielleicht hat er noch nicht so lange ein Handy…“ –
„… oder wird nie angerufen“, wende ich ein.
„Auf jeden Fall hat er sich sofort seine Maske vom Gesicht gerissen und dann ist er rangegangen und hat in völlig übertriebener Lautstärke telefoniert. Und gar nichts mehr mitgekriegt um sich rum, auch nicht, dass die Leute alle wild gestikulierten, dass er seine Maske wieder aufsetzen soll. Erst als die Kassiererin ihn anbrüllte, hat er geschaltet und guckte ganz erschrocken.“

„Und dann?“

„Und … dann…“, sagt mein Sohn mit einem Anflug von diabolischem Glucksen in der Stimme. (Ich gönne es ihm, er hat schon oft versucht, sein Fahrrad an der Laterne anzuschließen.) „Und… dann… hat er versucht, sich die Maske wieder aufzusetzen. Mit einer Hand. Und jetzt kommt´s: Ohne dabei das Handy vom Ohr zu nehmen. Das war so groooßartig!“ Seine Augen leuchten.

Und ja, auch ich sehe es ganz deutlich vor mir, das unwürdige Geheddere.
Ich finde ja Maske mit Brille schon schwierig.
Oder Maske mit Fahrradhelm, das hatte ich neulich auch. Da hatte ich mich dermaßen verheddert, dass mir dieses Spiel wieder einfiel, das wir in der Grundschule immer gespielt haben, das mit den verschränkten Fäden in der Hand, und der andere musste abnehmen, also die Fäden, je nach Muster gab es verschiedene Varianten, und dann ging das immer hin und her, wisst Ihr noch? Das mochte ich immer lieber als Gummitwist, ich war schon immer etwas bewegungsfern.
Apropos Gummi. Das sind ja auch so Situationen, wenn der Mann nach Hause kommt und quer durch den Flur ruft: „Schatz, mir ist schon wieder das Gummi gerissen!“ In solchen Momenten hoffe ich dann auch immer, dass die Nachbarn nicht mithören. Und wenn ich mir nicht sicher bin rufe ich manchmal in der gleichen Lautstärke zurück „Oooh, das Band von deiner Maske, Schatz? ich verstehe!“, ganz natürlich halt.

Aber ich schweife ab. Zurück zum Blockwart.
Ich stelle mir das also vor. Mit Handy am Ohr und einhändig … und die anderen Kunden schauen mir alle zu, vielleicht bilden sie einen Halbkreis, rhythmische Anfeuerungsrufe erklingen, Kasse 2 hat spontan die Moderation übernommen, ab und zu Szenenapplaus und …
Und das können ja schon mal so 75 Leute sein, im Supermarkt. Steht jedenfalls außen dran: „Zulässige Anzahl von Kunden im Geschäft: 75“.
Ich meine, mal ernsthaft, wie ist das eigentlich gedacht? Dass man erstmal durch durchzählt,wenn man reingeht?

75… Ich denke nach. Immerhin! Da hatte der Blockwart beim Verheddern mehr Publikum als wir derzeit.
Ja ja, ich weiß, man soll ja nicht jammern, aber –
Oh Leute, wie mir das Publikum fehlt. Die Blickkontakte, der Austausch, das gemeinsame Lachen, das Bier nach der Vorstellung. Ein Jahr lang lesen und schreiben wir jetzt schon in diese seelenlosen Bildschirme rein. Zu wissen, dass Ihr irgendwo da draußen seid, ist viel.  Aber wenn Ihr mich demnächst im Supermarkt seht, wie ich eine Show mit meiner Maske abziehe, dann hab ich´s vielleicht einfach nicht mehr ausgehalten.

(C) Susanne Riedel, März 2021

Susanne Riedel: Blockwart in Nöten

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