Nach drei Tagen an der Ostsee checke ich aus.
Es war eine schöne Zeit – und das trotz des wirklich schrecklichen Hotels, in dem ich gelandet bin. Ich war so begeistert von der Idee, eine kurze Auszeit am Meer zu verbringen, dass ich bei der Auswahl der Unterkunft ein bißchen nachlässig war. Sonst wäre mir vielleicht aufgefallen, was im Buchungsportal unter der Rubrik „Was Gästen an dieser Unterkunft am besten gefiel“ aufgeführt war, nämlich:
Parkplatz.

„Hat es Ihnen bei uns gefallen?“ fragt mich nun der junge Mann an der Rezeption, während ich die wenigstens nicht allzu hohe Rechnung begleiche.
„Teilweise…“ antworte ich diplomatisch, während in meinem Gesicht vermutlich klar zu lesen ist, dass dieser besagte „Teil“ nicht sehr groß gewesen sein kann. Ich bin darauf eingestellt, im nächsten Schritt mit routinierten Gesten des Bedauerns bedacht und in professioneller Sachlichkeit nach den Gründen gefragt zu werden.
Stattdessen jedoch kichert der junge Mann zunächst etwas wirr. Dann nickt er heftig, schlägt sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel und sagt
„Jo! Da ist noch Luft nach oben, was?“

„Äh… genau“ erwidere ich, zugegebenermaßen etwas irritiert.  „Also, die großzügigen 18m2 aus der Zimmerbeschreibung waren jedenfalls nirgends zu entdecken. Der eigene Balkon war ein Gemeinschaftsbalkon, der von vier Zimmern aus zugänglich ist. Und der seitliche Meerblick war leider ein sehr frontaler Blick auf den Parkplatz.“

„Jo!“ sagt er zustimmend. „Und seien sie man froh, dass Sie nicht im Souterrain gelandet sind, so ist es nämlich den letzten Gästen ergangen, die online gebucht hatten. Und manche von denen kommen trotzdem wieder, das müssen Sie sich mal vorstellen. Kann man nicht verstehen.“ Nachdenklich schüttelt er den Kopf.

Während ich mich zu fragen beginne, was das für ein seltsames Gespräch das hier gerade ist, winkt er mich vertraulich etwas näher heran.
„Also unter uns, wenn Sie doch nochmal wiederkommen wollen – ich schreibe Ihnen hier mal drei Zimmernummern auf – die sind wirklich schön. Also, „schön“…“ unterbricht er sich kichernd und malt  mit seinen Fingern Anführungszeichen in die Luft,  „Also, „schön“ – gemessen an diesem Hotel halt!“

Ich weiß nicht, ob der gute Mann heute seine Kündigung erhalten oder auf andere Weise mit dem Laden abgeschlossen hat. Aber dass er uns die Farce des Versuchs erspart, das Offensichtliche schönzureden, rechne ich ihm irgendwie hoch an. Soviel Ehrlichkeit könnte mich ja fast schon motivieren, irgendwann doch nochmal wiederzukommen.
„Und?“ frage ich deshalb zum Abschluss und wedele mit dem Notizzettel, auf dem er die Zimmernummern notiert hat. „Werden Sie dann noch da sein?“

Noch an der Türschwelle kann ich sein wirres Lachen hören. Er hört gar nicht mehr auf. Es ist ein Lachen, das zwischen „Gott bewahre“ und „Wo soll ich sonst sein, das ist ein verdammter Familienbetrieb!!“ so ziemlich alles bedeuten kann.
Ich winke noch einmal zum Abschied. Dann sehe ich zu, dass ich Land gewinne.

(Susanne Riedel, Juni 2020)

Susanne Riedel: Checkout

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