Sonntag. Ein sonniger Februartag, es zieht mich hinaus, nach dem Frühstück mache ich gleich einen ausgedehnten Spaziergang durch den Steglitzer Stadtpark. Nachdem am letzten Wochenende noch der schneeweiße und klirrendkalte Winter regierte, scheint heute warm die Sonne vom Himmel, die Vögel zwitschern wie losgelassen, es ist als habe jemand die Welt neu angestrichen, in Himmelblau und Krokuslila, und all den coronamüden Gesichtern gleich noch ein Lächeln aufgemalt. Weil noch Farbe übrig war. Und weil an Tagen wie heute die gute Laune für alle reicht.
Ein gigantischer Schwarm Kraniche fliegt über mich hinweg, ich sehe ihm lange nach und beobachte das faszinierende Muster der Flugformation, das immer wieder wechselt und mit eleganten Bewegungen neu gebildet wird. Gibt es eigentlich schon Verschwörungstheorien, die im Muster der Zugvögelformationen verschwurbelte Nachrichten entdeckt haben? Es würde mich nicht wundern.

Als ich nach Hause komme, sage ich erstmal allen Hallo.
Mein jüngerer Sohn sitzt vor dem Bildschirm, wo auch sonst, er hört mich nicht reinkommen, und weil er gerade die Deckung unten hat und ich gute Laune für alle, drücke ich ihm erstmal einen dicken Schmatzer auf die Backe. Das ist ja das, was 16jährige besonders gerne haben. Päh, sagt er erwartungsgemäß, während er aus seinem Spiel auftaucht und sich etwas theatralisch aber nicht ohne Schmunzeln das Gesicht abwischt.
„Was geht?“ fragt er dann.
„Was geht?“ frage ich zurück. Was soll man auch antworten auf die Frage, was geht. Alles? Oder – gut?

Ich erzähle ein bißchen von da draußen und dass ich ihn später nötigen werde, auch nochmal an die frische Luft zu gehen, dann frage ich, was in seiner Welt gerade so los ist. „Ich krieg schon wieder so krass unpassende Werbung“ sagt er und deutet beleidigt auf seinen Monitor. „Gestern waren es Verlobungsringe! Und heute? Günstige Gebrauchtwagen! Was ist denn da los mit diesen Algorithmen?“
Sein Freund Malte kriege wenigstens Werbung für den neuen Tesla, sagt er. Das wurmt ihn. Er hat das Gefühl, er macht was falsch.
Ein seltsamer Wettstreit, denke ich.
Aber wir leben nun mal in einer Zeit, in der selbst die gesponserte Werbung, die man ungewollt zugeschickt und eingeblendet bekommt, eine Menge über einen aussagt, ob man will oder nicht.

Gestern ist mir z.B. ein altes Jugendfoto in die Hände gefallen, das ich anlässlich der bevorstehenden Wiedereröffnung der Friseurgeschäfte gleich mal auf Facebook postete. In einer einer Art Kurzfassung jenes dazu gehörenden traumatischen Friseurbesuchs, der diesem Bild vorausgegangen war, schrieb ich dazu:
„Ich wollte Kim Wilde und ging als Lady Di nach Hause.“
Das hatte ich längst vergessen, als ich später am Abend dann in Ermangelung besserer Unterhaltung auf Netflix die Serie The Crown über das britische Königshaus weiterschaute.

Und jetzt?
Feiern die Algorithmen natürlich eine Party. Den ganzen Tag schon werde ich auf allen Kanälen zugeballert mit Werbung und Artikel zu royalen Themen. Fotobänder über die Queen werden mir offeriert, Reisen nach Wales, und, besonders krass, zahlreiche Links zu Online-Tutorials wie: „10 Schönheitstipps, damit Sie einen strahlenden Teint bekommen wie Lady Di.“
Das Fatale ist ja, dass ich aufgrund meines ausgeprägten Hangs zur Prokrastination dazu neige, mich in solchen Werbungen zu verheddern. Und am Ende lande ich dann wie heute Morgen bei einer Bilderserie zum Thema „Abnehmen mit Conchita Wurst“.

Dabei bin ich inzwischen eigentlich so diszipliniert in der Abwendung dieser sogenannten frauenrelevanten Werbung. Die geht mir einfach gehörig auf die Nerven.
Letzte Woche habe ich mir sogar einmal die Beine nicht rasiert. Wenn ich ehrlich bin auch deshalb, weil es so kalt war. Aber das ist doch ein Anfang!
„Hairy Monsters“ wurden die deutschen Austauschschülerinnen in den USA genannt, fällt mir dabei ein, damals in den Achtzigern. Da war das hier noch nicht so üblich, das sieht man auch, wenn man alte Konzertvideos von Nena schaut. Heute? Ganzkörperrasur aber Hipsterbart. Na mal gucken, wo der Trend die nächsten Jahre hingeht. Und ganz ehrlich – Einmal im Leben eine Taille wie Conchita Wurst – dafür lasse ich mir im Zweifelsfall auch einen Vollbart stehen.

Ich lasse meinen Sohn an seinem Computer zurück und schaue mal, was an meinem Bildschirm heute so los ist. Im Hintergrund lasse ich auf YouTube ein bißchen Musik laufen, Leonard Cohen, die Stones…
Vielleicht kriege ich ja morgen wieder passende Werbung: „ 10Schönheitstipps, damit sie einen strahlend schönen Teint bekommen wie Keith Richards“.

Auf Facebook ploppt eine Meldung auf:
„Susanne, triff Deine Freunde bei diesen Veranstaltungen!“
Ich bin neugierig und klicke mal an:
Versteigerung im Pfandleihhaus, lese ich. Na super.

Aber vielleicht kann ich darüber wenigstens irgendwann mal einen Lesebühnentext schreiben. Ich könnte ihn  auf unserer Website veröffentlichen, mit Verweis auf unser Spendenkonto.

Wir würden so gerne auch mal diese Tesla-Werbung sehen.

(C) Susanne Riedel, Februar 2021

Susanne Riedel: Der Teint von Lady Di

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It