Ich weiß noch wie ich in der ersten Zeit des Lockdown einmal von einem Geräusch wach wurde, das sich wie Streiten anhörte. Ich hatte im Halbschlaf gedacht, vor der Nachtapotheke an der Ecke seien sich Leute in die Haare geraten – aber dann war es doch der Ruf eines paarungswilligen Fuchses. Und so ging das wochenlang.
Die wenigen Menschen, die sich tagsüber auf der Straße begegneten, waren ausnehmend freundlich zueinander. Die Jugendlichen, die sich sonst allabendlich im Wartehäuschen der Bushaltestelle betrinken, blieben fern und der vertraute nächtliche Sound der Übriggebliebenen aus der Eckkneipe „Zum Borstel“ wich dem Gesang der Nachtigall.
Kurzum: Es war unheimlich.

Schritt für Schritt kehren wir nun wieder in eine Art Normalität zurück. Klaren Anzeichen dafür bin ich gestern begegnet, als ich mich mit meiner Freundin Elvi auf einen Kaffee traf.

Ich nutzte die Gelegenheit für eine kleine Fahrradtour. Gemächlich fuhr ich den Weg am Kanal entlang. Ich freute mich auf diesen ersten Cafébesuch seit Monaten, das Geld ist zwar knapp, aber ein Kaffee ist drin, und zu Essen würde ich nichts mehr brauchen, bei all den Fliegen, die mir auf dem Weg in den Mund flogen.

Das Café T. befindet sich in einem alten Gutshaus im Stadtpark, verfügt über einen riesigen Biergarten, der zur Parkseite von einer etwa 30 Meter langen kniehohen Mauer begrenzt wird. Weit und breit waren kaum Menschen zu sehen, weder im Biergarten, noch im Park. Ganz am Rande der besagten Mauer stellte ich mein Fahrrad ab und schloss es gerade an als sich eine ältere Dame mit ihrem Pinscher näherte. Beide guckten mich eine Zeitlang verkniffen an, dann sagte die Dame

„Immer stehen hier Fahrräder.“
„Äh… ja?“
„Schön ist das nicht.“
„Äh… warum?“
„Hier möchte vielleicht jemand seine Beine abstellen.“
Ich war verwirrt und ließ meinen Blick ratlos über die verbliebenen 28,5 Meter der ansonsten gänzlich unberührten Mauer gleiten.
„Sie möchten jetzt genau hier ihre Beine abstellen?“ fragte ich.
„Nein, ich nicht“, sagte die Dame ungeduldig,„aber meine Schwester. Die geht hier manchmal laufen.“
„Aha…“, sagte ich, mehr fiel mir nicht ein, und wollte mich zum Gehen wenden. Für eine ernsthafte Diskussion war mir das einfach zu albern. Erst als sie mit einem Kopfschütteln und einem sehr gönnerhaften Seufzen abwinkte und sagte „Na ja, in Gottes Namen, dann lassen Sie es halt stehen…“, spürte ich, dass ich doch noch was erwidern wollte.
Natürlich lasse ich es hier stehen!“ brach es aus mir heraus.  „Aber nicht, weil sie es mir erlauben!“ Ich war jetzt wirklich sauer, schaffte es aber, tief Luft zu holen und  mich friedfertig aus dieser Situation zu verabschieden. „Wie auch immer, ich wünsche Ihnen jedenfalls einen schönen Tag!“ sagte ich also in versöhnlichem Tonfall und ging Richtung Café.
„Ich ihnen aber nicht!“ keifte sie mir hinterher. Der Pinscher kläffte zustimmend, der Tonfall verblüffend ähnlich.

Und das brachte mich dann doch irgendwie zum Lächeln.
Die Wilmersdorfer Witwen und ihre Steglitzer Schwestern sind jedenfalls schon wieder in ihrem natürlichen Lebensraum anzutreffen. Stets zur Stelle, wenn man sie nicht braucht.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einem ein winziges Gefühl von Normalität vermitteln.

(Susanne Riedel, Juni 2020)

Susanne Riedel: Ein Hauch von Normalität

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It