(Fortsetzung)

„Das gute Zeug?“ frage ich.
„Das gute Zeug“, sagt er. „Bei mir gibt´s nur gutes Zeug.“
Ein paar Jahre früher hätte man mit diesem Dialog noch Untersuchungshaft riskiert, denke ich.
Wir besprechen noch kurz, was ich mitbringen muss, dann verabschieden wir uns.
„Tausend Dank! Bis Freitag!“ höre ich mich sagen. Als ich aufgelegt habe spüre ich, wie mir die Tränen in die Augen schießen. Ein Impftermin. Endlich. Ich neige nicht zu Gefühlausbrüchen und bin selbst überrascht von der Wucht, die diese Nachricht hat, und die das Ausmaß des enormen Drucks, unter dem wir alle seit über einem Jahr stehen, erkennbar werden lässt. Dr. Jakob und seine Kolleg:innen bringen dieser Tage vermutlich viele Menschen zum Weinen.

Freitagfrüh. Ich habe drei Wecker gestellt, damit auch wirklich nichts schiefgeht. Im Nu bin ich frisch geduscht, hab mir die Haare gewaschen, die Zähne geschrubbt und Deo aufgelegt. Mir fällt ein, was meine Oma immer über frische Wäsche gesagt hat. Dass man ja nie wissen könne, wann man vom Bus angefahren wird, und dann liegt man da, im Krankenhaus, und dann sehen alle, dass man keine frische Wäsche anhat oder Löcher in den Socken – und dabei machte sie ein Gesicht als wäre das eine schlimme Schande und in jedem Fall ein sehr viel größeres Problem, als die Tatsache, dass man gerade von einem Bus angefahren wurde. Das hab ich nie so richtig verstanden – aber ein bißchen was ist davon trotzdem hängengeblieben.
Was, wenn ich nachher kollabiere? Was, wenn ich zu den 0,01 % bis 0,1 % mit Komplikationen gehöre?
Ich nehme die feinste und neueste Wäsche aus dem Schrank, die ich finden kann. Sicher ist sicher.

Der Mann guckt mißtrauisch.
„Was hast Du denn vor heute?“ fragt er noch etwas verschlafen über den dampfenden Kaffeepott hinweg. Ganz offenkundig hat er vergessen, dass heute mein großer Tag ist.
„Tja“ sage ich also und hebe verwegen die Augenbrauen. Also – so verwegen das meinem Gesicht um 7:30 Uhr möglich ist. Dann lasse ich ihn mit seinem fragenden Blick allein.

„Ich muss noch den Kuchen schneiden“ sage ich noch im Rausgehen.
„Kuchen hast Du auch gebacken?!“ ruft er mir hinterher. „Für wen?“
„Für meinen Stecher“ flöte ich zurück, versaue mir die Nummer dann aber selber, weil ich lachen muss. Für 7:30 Uhr fand ich den gar nicht schlecht.
In der Tat habe ich in der Nacht noch einen Kuchen gebacken, als Dankeschön für Dr. Jakob und sein Praxisteam. Ich schneide ihn nun feinsäuberlich in kleine Stücke und verpacke ihn in zwei kleinen Stapeln. Es handelt sich um einen Bienenstich, das fand ich irgendwie recht passend als Dankeschön für so eine Impfung. Spritzkuchen hätte auch gepasst, aber Spritzkuchen kann ich nicht.

Impfbuch, Chipkarte, Anamnese, Aufklärungsbogen, Einverständniserklärung, Kuchen.
BVG-Karte, Handy, Schlüssel, Maske, Ersatzmaske.
Was Altes, was Neues, was Geborgtes, was Blaues.
Nachdem ich ein paar Mal gecheckt habe, dass ich auch wirklich alles dabei habe, verlasse ich die Wohnung.

Kurz nach acht, ich bin früh dran, habe ordentlich Puffer eingeplant, damit mich keine Weichenstörung, kein Wetter, keine Weltverschwörung vom Erreichen der Praxis in Kreuzberg abhalten werden.
Als ich aus der Haustür trete, halte ich kurz inne und genieße die Duftwolke, die der Wind vom alten Fliederbaum an der Straße herüberträgt.  Überhaupt, ein schönes Frühlingswetter heute, denke ich. Vögel zwitschern, Himmel bläut.
Wo ist der Regen, der angesagt war?
An dieser Stelle komme ich nicht umhin, an Rainer zu denken. Er wüßte die Antwort.
Rainer ist mein AFD wählender verquerer Cousin und immer gut dafür, mich in Sachen Verschwörungstheorien und Anti-Regierungs-Parolen der untersten, quasi unterirdischen Schubladen auf dem laufenden zu halten.
Den Kontakt zu ihm nicht abzubrechen, sondern stattdessen seine Hassparolen konsequent mit niedlichen Katzenvideos zu beantworten oder mit ihm an der frischen Luft spazieren zu gehen, ist mein Geschenk an die Gesellschaft. Jeder braucht ja so ein Ehrenamt. Rainer ist meines.
Würde ich Rainer einen Kuchen backen, es wäre ein Brownie.
Rainers neueste Theorie ist jedenfalls, dass die Wetter Apps von der Regierung gesteuert werden. Dass sie ständig aufziehenden Regen melden würden, damit die Leute nicht das Haus verlassen. Deshalb haben wir uns vor ein paar Tagen auch trotz der Warnung vor heftigen Regenschauern zum Spazieren getroffen. Rainer kommt dann immer mit dem Fahrrad zu mir Richtung Stadtpark gefahren.
Tatsächlich sind wir trocken geblieben. „Siehste“ sagte Rainer, als er sich später wieder auf sein Fahrrad schwang. Ich wünschte ihm einen guten Heimweg. Kurz darauf verdunkelte sich der Himmel und ein Gewitter mit Starkregen und Hagel ging hernieder. „Bist Du noch trocken nach Hause gekommen?“ fragte ich Rainer per WhatsApp. „Bin nass bis auf die Knochen“ schrieb er zurück. „War ja wieder klar!“ schrieb er.
Danke Merkel, dachte ich, aber nur ganz leise und für mich.

Der Himmel jedenfalls ist strahlend blau, der Flieder duftet, sogar Bus und Bahn sind pünktlich. Nur ein paar Stationen noch vom Anhalter Bahnhof,  vom Oranienplatz aus schlendere ich den Weg am Engelbecken entlang Richtung Praxis.
Beim Schlendern kommt die Nervosität wieder. Gleich kriege ich meine Impfung. Ob alles gut geht?
Eine eigenartige Stimmung hier in der Parkanlage, so am frühen Morgen. Grau und trüb liegt die Wasseroberfläche des Engelbeckens vor mir. Die schwarzen Metallgitter der Pergola über dem Weg sind noch ganz kahl und sorgen für eine düstere Atmosphäre. Ein alter Mann auf einer Parkbank will mir ein Ohr abkauen, ein finster dreinblickender Flaschensammler fragt nach Geld.
Ich beschleunige meinen Schritt.

Als ich vor der Praxis ankomme und meine Maske aufziehe, reißt mir der Henkel meiner FFP2 Maske. „War ja wieder klar“ denkt mein innerer Rainer, aber glücklicherweise habe ich eine Ersatzmaske eingepackt. Um 10:05 Uhr werde ich eingelassen.
Dr. Jakob himself nimmt mich in Empfang, wir regeln die Formalitäten, plaudern kurz und als ich ihm gerade sagen will, dass ich eine kleine Spritzenphobie habe, klebt er mir auch schon ein Pflaster auf den Oberarm. „Das war´s“ sagt er. Ich strahle ihn an. Mein Herz ist so voller Dankbarkeit, dass ich mich an die AHA-Regeln erinnern muss, um ihn nicht auf der Stelle zu knuddeln. Das muss der Kuchen erledigen.
Zum Abschied bekomme ich noch einen kleinen bunten Aufkleber. Erst jetzt fällt mir wieder ein, dass Dr. Jakob eigentlich Kinder- und Jugendpsychiater ist, wenn er nicht gerade die Impfstatistik der Hauptstadt rettet. Da muss ich erst 50 werden, denke ich. Auf dem Aufkleber steht I got my Covid 19-Vaccine, ich klebe ihn mir gut sichtbar auf mein T-Shirt und nach einer kleinen Ruhepause trete ich vor die Tür. Ich strahle eine Weile die Passanten an, dann laufe ich zurück zum Engelbecken.
Waren die Springbrunnen vorhin schon da? Und wie sie Sonne auf dem Wasser funkelt. Der freundliche Flaschensammler spaziert an mir vorbei, ich drücke ihm meine Seltersflasche und alles Kleingeld in die Hand, das meine Hosentaschen hergeben. Ein alter Mann, der auf einer Parkbank sitzt, zeigt mir die Schildkröten im Wasser und erzählt Geschichten aus der Zeit, wo er aufgewachsen ist, direkt hier am Heinrich-Heine-Platz. Ich lausche gebannt, während eine Schwanenfamilie vorbeisegelt und die Sonnenstrahlen mich wärmen. Gut, dass die Pergola noch nicht so bewachsen ist.
Mein Aufkleber leuchtet und das Leben ist schön.

In den USA werden in manchen Bundesstaaten Prämien angeboten, um die Leute zum Impfen zu bewegen. Manchmal Donuts, manchmal Pizzagutscheine, in Kanada gibt es sogar Joints for free, wenn man sich impfen lässt. Weil das Gras nach dem Impfen wieder grüner ist, so der Werbeslogan.
Ich für meinen Teil brauche das gar nicht. Ich weiß nicht, was in diesem Impfstoff drin ist, aber ich finde das Gras gerade sehr, sehr grün.

Ich zücke mein Smartphone und schreibe meiner Familie eine kurze Nachricht, dass alles gut gegangen ist. „Glückliche Grüße vom Engelbecken“ schreibe ich dazu, dann mache ich mich auf den Heimweg,
Kurz darauf vermeldet mein Smartphone eine neue Nachricht. Der Mann schreibt in Großbuchstaben im Familienchat:
„Wer ist dieser Engelbert?!“
Ich scrolle zurück, und tatsächlich. Ein neues Glanzstück der Autokorrektur: „Glückliche Grüße vom Engelbert“.

Ich kichere laut, eine ältere Dame ein paar Sitze vor mir dreht sich pikiert zu mir um.
Ich deute auf meinen bunten Aufkleber und hebe entschuldigend die Schultern. Die Sonne scheint und mein Aufkleber ist bunt und die Aussicht auf Lockerungen greifbar und real.

Ein Satz fällt mir ein.
„Susanne“, hatte Dr. Jakob vorhin feierlich gesagt als wir uns verabschiedeten.

„Das ist jetzt wirklich der Anfang vom Ende!“

Und nie war dieser Satz so schön wie heute.

(C) Susanne M. Riedel, Mai 2021

Susanne Riedel: Endlich (Teil 2)

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It