Endlich

Als der Anruf endlich kommt und ich die Nummer der Praxis von Dr. Jakob auf dem Display erkenne, bin ich so aufgeregt, dass ich statt des grünen Knopfs erstmal den roten drücke.  Weg ist er.
Mir wird gleichzeitig heiß und kalt, ich stehe im Bett, NeineineiNEIN ruft eine hellwache Stimme durch mein noch montagsmüdes Hirn. Seit Wochen stehe ich auf allen möglichen Wartelisten der Stadt, seit ein paar Tagen auch auf der von Dr. Jakob.  Und dann kommt der Anruf – und ich drücke ihn weg?!
Ich versuche natürlich sofort zurückzurufen, mehrmals. Die Mailbox geht ran. Immer wieder die Mailbox. So schnell kann´s gehen. Rot statt Grün. Es ist ein Gefühl, als hätte ich bei einer Bombenentschärfung, bei der wirklich viele Menschenleben auf dem Spiel stehen, im Tran den falschen Draht durchgeschnitten. In Filmen passiert das nie.
Ein paar bange Stunden später – von denen meine Familie und das Universum behaupten, es habe sich in Wirklichkeit höchstens um eine halbe Minute gehandelt – erreiche ich Dr. Jakob.
„Hi!“ sagt dieser munter und kommt schnell zur Sache: „Sag mal, diesen Freitag um 10:05 Uhr – kannst Du da?“
„Diesen Freitag?“ antworte ich, „Warte, da muss ich kurz in meinen Kalen…“, dann unterbreche ich mich: „Quatsch. Egal, was da ist. Ich kann!“
Er hat gerade eine neue Lieferung bekommen, sagt er, ich höre, die Freude in seiner Stimme.
„Das gute Zeug?“ frage ich.
„Das gute Zeug“, sagt er. „Bei mir gibt´s nur gutes Zeug.“
Ein paar Jahre früher hätte man mit diesem Dialog noch Untersuchungshaft riskiert, denke ich.

*** (Fortsetzung folgt) ***

(C) Susanne Riedel, Mai 2021

Susanne Riedel: Endlich (Teil 1)

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