Vor 48 Stunden hat es noch geschneit. Ein kühler Wind hatte dicke weiße Flocken durch die Straßen getrieben, am hellichten Tag mitten im Mai. Also, was man so hellicht nennt. Rain in May hatte ich schon den ganzen Vormittag vor mich hin gesummt – und dann kam dieser Schnee. Frieder, mein kleines Fliederbäumchen, hatte ganz empört dreingeschaut. Schnee. Im Mai. Dazu war mir nun wirklich kein Lied mehr eingefallen, dafür ging mir den Rest des Tages Santa Claus is coming to town nicht mehr aus dem Kopf, eines der schlimmsten Weihnachtslieder ever. Ich weiß manchmal nicht, wofür mich mein Unterbewusstsein immer wieder mit solchen Ohrwürmern straft, möglicherweise ist das so eine verkappte Art von Autoaggression. Oder ich muss aus einem früheren Leben noch irgendein Karma abarbeiten oder was weiß ich.

Jedenfalls sind nun 48 h vergangen, der Schnee ist Geschichte – stattdessen haben wir plötzlich 28 Grad im Schatten, der Himmel ist strahlend blau, eine heiße Sonne fällt auf das besagte Bäumchen. Frieder weiß nicht weiter. „Echt jetzt?“ scheinen seine gebeutelten Blüten zu fragen, mal sehen, ob sie in diesem Jahr noch aufgehen werden. Unter uns, ich glaube, mein Flieder ist eine Mimose, und das meine ich jetzt nicht botanisch.

Heute ist Sonntag. Muttertag. Die Palette an Ohrwürmern ist groß.
Mit Heintje bin ich aufgewacht, ganz mieses Karma. Maaaaama, hatte er durch meine Synapsen geplärrt, und dieses andere Lied Wenn Du noch eine Mutter hast, dann danke Gott dafür … Texte, festgeschrieben auf der unheiligen Festplatte meines Langzeitgedächtnisses.
Apropos Festplatte. Über das Wort hatte ich gerade gestern mit meinem Freund Felix geredet, weil er meinte, das könnte im Grunde auch so ein norddeutscher Ausdruck sein für irgendein Standardgericht – So bitte, hier kam noch einmal die Festplatte – die Idee gefiel mir.

Und apropos Standardgericht.
Beim Spazieren am Kanal hatte ich vor ein paar Tagen diese wirklich schöne Begegnung. Hand in Hand mit seiner Freundin schlenderte ein Mann an mir vorbei, dessen Gesicht ich gut kannte – allerdings hatte ich keinen Schimmer, woher, ich stand total auf der Leitung. Er sah zu mir rüber und grüßte mich sehr freundlich, ich nickte etwas verhalten zurück. Offenbar war an meinem Gesicht gut abzulesen, wie angestrengt ich nachdachte, ich hab mein Gesicht da nicht immer im Griff. „Du hast keine Ahnung, woher, oder?“ lachte er, wandte sich beim Weitergehen nochmal um und sagte augenzwinkernd „Kleine Potpourriplatte, Hälfte Reis, Hälfte Pommes?“
Es war einer der Kellner aus dem Schlossparkgrill, einem kultigen Restaurant hier in der Gegend, das meine Familie schon in 3. Generation besucht. Wie hatte ich den nicht erkennen können? In diesen Kellner war ich mal sehr verknallt als ich 12 war. Wir haben die Silberhochzeit meiner Eltern dort gefeiert, den Führerschein meines Sohnes, und die Beerdigung meines Vaters. Und ich erinnere mich daran, wie ich mal was aus der Kategorie „Für unsere keinen Gäste“ bestellen wollen, da war ich allerdings schon vierzig, da hatte er nur sehr trocken gesagt „Steh mal bitte auf“. Tapfer hatte er zu meinen 1,83 nach oben geschaut und sehr trocken gesagt „Wollen wir mal gelten lassen.“

Und nun hatte ich ihn nicht erkannt, weil ich ihn das erste Mal ohne weißes Hemd und Tablett in der Hand sah?! Das gab mir zu denken.

Viel mehr noch als mein Personengedächtnis allerdings gibt mir zu denken, dass er sofort wusste, was ich immer bestelle. Ich meine, wie muss das für ihn sein, da am Kanal spazieren zu gehen? Sieht er überall Schaschliks herumlaufen und extra Zwiebeln, auf dem Fahrrad fährt das Wiener Schnitzel vorbei, während die Seniorenteller auf der Parkbank rasten und sich auf dem Spielplatz die Piratenteller, die Pippi-Langstrumpf-Platte und Max und Moritz mit Buddelförmchen bewerfen?
Und wie ist das bei anderen Berufsgruppen?
Ich meine, mit welchen Bildern läuft eine Bäckereifachverkäuferin durch die Gegend?
Oder ein Proktologe?

An dieser Stelle werde ich glücklicherweise aus meinen Gedanken gerissen, denn mein älterer Sohn kommt zur Tür rein und strahlt mich an.
„Mamaaaa“ singt er mir entgegen „ooooou-hu-hu“, Freddy Mercury like, dann gratuliert er mir zum Muttertag. Den traditionellen Strauß geklauten Flieder kriege ich in diesem Jahr nicht. Der ist in diesem Jahr noch nicht so weit, auch am alten Bahndamm nicht. Aber allein mit diesem Ohrwurm macht er mir schon ein enormes Geschenk.

(C) Susanne Riedel

Susanne Riedel: Festplatte mit Pommes

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