„Ist das jetzt eigentlich typisch deutsches Essen?“ fragt mein jüngerer Sohn mit Blick auf seinen Teller. „Du meinst wegen der braunen Sauce?“ fragt der ältere zurück und kriegt darauf ein Highfive von seiner Freundin…

Mit den Dreien zusammen am Tisch zu sitzen ist meist sehr unterhaltsam. Außerdem eröffnet es die Möglichkeit, in beiläufigen Gesprächen ein wenig ins Teenager-Universum einzutauchen, man will ja den Anschluss nicht verlieren.

„Mein erster Freund ist gerade Vater geworden“, erzählt Lili, „habe ich auf Instagram gesehen. Voll krass. Aber es war eigentlich auch nicht mein richtiger Freund-Freund, es war mein Whatsapp-Freund.“
Offensichtlich bemerkt sie das Fragezeichen über meinem Kopf „Der war an meiner Schule, wir haben und immer ganz verliebt geschrieben. Aber getroffen haben wir uns eigentlich gar nicht. Hach, das war voll schön, eigentlich…“
Mein Sohn lässt diese Bemerkung gelassen an sich abperlen.
„Da sieht man wieder deutlich unseren Altersunterschied“ erwidert er nur. „Meine erste Freundin war noch eine SMS-Freundin.“

Ich bin verwirrt. „Meine SMS-Freundin, mein Whatsapp-Freund… sind das gängige Begriffe?“
Der Jüngere schaltet sich ein. „Ja, total. Also damals, heute passiert mehr auf Insta. Aber logisch, dass Du das nicht kennst. Als Ihr Euch kennengelernt habt, sind ja noch Brieftauben geflogen.“

Die Vorstellung gefällt mir, ich korrigiere ihn nicht.

In Wirklichkeit war es ja auch so, dass wir noch Zettel geschrieben haben damals. Nur ohne Tauben halt. Kleine Botschaften aus blauer Tinte, mit Mühe durch die Stuhlreihen des Klassenzimmers geschmuggelt. Bei Julia blieben sie manchmal hängen, sie hatte immer Angst, erwischt zu werden. Und Boris, die Nervensäge, hat immer mitgelesen, bevor er weitergegeben hat.
Wenn es ernst wurde, stand auf dem Zettel: Willst Du mit mir gehen? Ja / Nein.

Christian hat so einen Zettel mal bekommen und war so überfordert mit dem Ja / Nein, dass er ihn aufgegessen hat.

Der Grundstein für Beziehungsstörungen wird manchmal schon recht früh gelegt.

Ich habe so einen Willst Du mit mir gehen-Zettel einmal geschrieben. In der Grundschule, 5. Klasse, an Thorsten N. . Er hat ihn leider nicht beantwortet, sondern eingesteckt und seinen Eltern gezeigt. Am nächsten Tag kam er zu mir, sah mir tief in die Augen und sagte „Meine Mutter lässt fragen: Wohin?“

Der Grundstein für Beziehungsstörungen wird manchmal…

Ach, das sagte ich schon.

 

(Susanne Riedel, Mai 2020)

 

Susanne Riedel: Ja / Nein

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