Nur noch ein paar Kilometer. Nach ein paar Tagen im Brandenburger Nirgendwo hat Berlin mich gleich wieder, ich lasse meinen Blick noch einmal durch die Weite der Landschaft schweifen, ehe der Horizont hinter den Hellersdorfer Häusermeeren verschwindet.  Über einem Feld sehe ich einen Schwarm Kraniche aufsteigen, von weiter hinten ziehen Gewitterwolken heran, noch scheint die Sonne.

Als der Zug ein altes Fabrikgelände passiert, leuchtet von einer gigantischen Ziegelmauer ein Schriftzug zu mir herüber:
„Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“ ist auf einer Länge von etwa 20 Metern in Quietschgelb auf die Mauer gesprüht. Es hilft nichts – der Anblick treibt mir ein Lächeln ins Gesicht. Ja ja, Vandalismus – aber hey! Das ist doch wirklich mal innovativer, als dieses ewige „Fuck You“, auch wenn es inhaltlich natürlich mehr oder weniger auf das gleiche hinausläuft.
Außerdem setzt das Graffiti eine ganze Kaskade von Erinnerungen in Gang.
„Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“ … Ich überlege. Wann habe ich den Satz zuletzt gehört? Ich schätze, im Grundschulalter. Tanten sagten ihn, mein Vater. Die Hauswartsleute.
Auch meine Lehrerinnen, wenn ich in meiner Schwärmerei für Thorsten Lehmann die Aussichtslosigkeit damit kompensierte, immer wieder traurige Herzchen in die viel zu kleinen Tische zu ritzen.
In der Welt meiner Kindheit und vor allem in meiner Familie waren Sprichwörter und Redewendungen allgegenwärtig.

Als ich nach Hause komme, wischt mein Sohn gerade einen Teil seines Brotbelags vom Boden auf und schimpft wie ein Rohrspatz. „Den ganzen Tag schon fällt mir alles runter!“ klagt er und deutet genervt auf die Mayonnaise zwischen den Dielen „Aber das hier setzt dem Ganzen jetzt echt das Sahnehäubchen auf!“
Die Krone, meint er wahrscheinlich.
Aber ich werde den Teufel tun und ihn verbessern.

So wie ich eine Leidenschaft für falschverstandene Liedtexte hege, so liebe ich es auch, wenn meine Kinder Redewendungen nicht so richtig kennen.

Sprachlich waren sie ja schon immer sehr kreativ.
Bei den meisten Kindern sind die ersten Worte ja „Mama“ und „Papa“. Bei meinen waren es „Nein“ und „Mehr“.
Ich war sehr dankbar, als sich ihr Wortschatz rasch erweiterte.

Bewundert habe ich immer das Talent unserer Kinder, Worte nicht einfach phonetisch sondern sinnhaft zu erfassen. Das merkten wir immer dann, wenn das Gedächtnis das Gemerkte in verwandelter Form hervorbrachte. Also beispielsweise gab es bei uns dann Schmetterlinge, die „Sauerflatterer“ hießen. Noch heute nennen wir Zitronenfalter gerne so.

Im Urlaub erklärten wir dem Großen mal, was eine Besucherritze ist und woher – so in etwa – dieser Name kommt. Als unser Kind später in dieselbe fiel, weil die Betten auseinanderrutschten, rief es „Oh! Ich bin in die Hallo-Spalte gefallen!“
Manche Konversation entschärften sie, wenn sie z.B. aus dem aufgeschnappten Wort „Lahmarsch“ einen höflichen „Trödelpo“ machten, das fand ich sehr rührend.

Ich erinnere mich wie der Erstgeborene damals das erste Mal versucht hat, zu fluchen. Er war noch ganz klein und stinkewütend, ich glaube, weil er nicht ins Bett wollte. Das Prinzip des Fluchens hatte er eigentlich ganz gut verstanden, man brauchte schlimme Worte, musste so richtig abstoßende Dinge sagen. Mit wutrotem Kopf und düsterem Blick brüllte er also: „Erbsen! Möhren! Mais!“
Nun, das war das Schrecklichste, das in seiner kleinen Welt damals existierte.

Nun also steht der Zweitgeborene fluchend in der Küche und redet von Sahnehäubchen. Wenn das bei einem 16jährigen nicht einer Todsünde gleichkäme – Ich könnte ihn küssen dafür.

„Kannst Du mir helfen?“ fragt er, mit Blick auf die Putzutensilien. In dem Moment klingelt das Telefon.
„Oooh, da muss ich ran, sorry“ sage ich bedauernd.
„Da haste Dich ja geschickt aus der Atmosphäre gezogen!“ ruft er mir hinterher.
16 hin oder her.
Ich glaub, ich küsse ihn nachher einfach trotzdem.

(C) Susanne M. Riedel, März 2021

Susanne Riedel: Narrenhände

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