Samstagnachmittag, ich stehe bei Karstadt in der Haushaltswarenabteilung. Ein neues Schneidebrett muss her. Das alte ist heute früh auseinandergefallen, es hat in unserer Küche über die Jahre allerdings auch so einiges durchgemacht. Friede seiner Späne.

Als die Durchsage ertönt, stehe ich gerade zwischen dem Edelstahl-Topfset „Joy“ und einer Pfanne aus der Serie „Elégance“. Aufgrund meiner Leidenschaft für befremdliche Produktnamen dauert es in solchen Geschäften immer eine Weile, bis ich so vorwärts komme.

Ach und überhaupt. Wieviel lieber würde ich jetzt einen neuen Reiserucksack shoppen gehen, und Sonnencreme, aber nun – Corona hält die Welt weiterhin in Atem, der Urlaub ist endgültig storniert, der Tapetenwechsel muss warten. Wir hätten ihn alle nötig.
Ich sag mal so: Als wir gestern auf der Brücke kurz die schweren Einkaufstaschen abstellten, sah mein Sohn auf den Teltowkanal hinab, seufzte tief und murmelte „In welcher Richtung liegt Mallorca?“…
Da wollte er nämlich gerne mal mit seinen Freunden hin. Ich sag mal so, dieser Eimer ist nochmal an uns vorbeigegangen. So hat doch alles auch sein Gutes.

Sehr fürsorglich finde ich jedenfalls, dass die Edelstahlindustrie uns mit dem Fernweh nicht alleine lässt: die Kochtöpfe der Serien Alicante, Toskana und Provence plus sind allesamt im Sonderangebot, für den urbanen Hauch steht das Set Skyline bereit.

Kurz irritiert bin ich vom Schnellkochtopf Intension. Extension wäre interessant, da würde zumindest mein Unterbewußtsein gleich Bilder von extralangen Spaghetti aufrufen.  Möglicherweise ist aber auch nur die Luft unter meiner Maske langsam ein bißchen dünne…

Egal, ich passiere noch rasch die Serie Moment, gleich bin ich bei den Brettern. Bei Moment fällt mir ein, dass es neulich in der Drogerie tatsächlich eine Sonderedition Toilettenpapier gab namens Queen of the Moment.
Wer um alles in der Welt denkt sich denn solche Namen aus?
Queen of the Moment, ich meine… welche Bilder entstehen da bei Euch?
Ich für meinen Teil stehe da gedanklich sofort auf der Titanic. Leonardo ruft Ich bin der König der Welt! und ich rufe zurück Ich bin die Queen of the Moment! und dann segeln wir zusammen auf unserm Flachspüler in den Sonnenuntergang…

Ich frage mich dann immer: Wissen die Werbemenschen, die sich diese Namen ausdenken, dass es Leute wie mich gibt? Dieser Gedanke ist mir unheimlich.
Wobei ich zu meiner Ehrenrettung ergänzen muss, dass ich das besagte Papier nicht gekauft habe. Ähnlich wie dieses Retro-Küchenpapier, das habe ich auch wegen seines Names nicht gekauft: Dick & Durstig. Das war mir irgendwie  zu persönlich.
Eine Zeitlang habe ich auch aus Prinzip keine Buttermilch gekauft. Nicht, weil ich Buttermilch nicht mochte, sondern weil da Bilder von Dieter Bohlen drauf waren. Und ja, auch die Therapiedecken, die Facebook mir immer einblendet, ignoriere ich auch in Momenten großer Versuchung bislang souverän. So sieht´s aus.
Sie kriegen mich nicht immer.

Was ich eigentlich erzählen wollte:
Wie ich gerade so stehe, zwischen Joy und Elégance, ertönt über die Lautsprecher des Warenhauses eine Frauenstimme:
„Achtung, eine Durchsage! Gesucht wird die 16jährige Anna Mareschke, ich wiederhole, die 16jährige An-na Ma-resch-ke möchte sich bitte bei der Kasse im Erdgeschoss einfinden, der Papa wartet da auf dich!“

Ich schließe die Augen. Das arme Ding.
Auch ich war mal 16.
Und für einen klitzekleinen Moment stelle ich mir vor, wie mein nunmehr 16jähriger Sohn reagieren würde, wenn ich ihn mit diesen Worten ausrufen ließe. Stellvertreten läuft mir ein Schauer über den Rücken.

Ich suche ein Brett aus, gehe zur Kasse und dann zügig Richtung Ausgang. Genug Zeit vertrödelt. An der Rolltreppe fällt mir das Schild auf „Wir sind besorgt um ihre Sicherheit – bitte benutzen Sie die Aufzüge!“ Da kann man ja auch mal einen Moment drüber nachdenken. Das ist so ähnlich wie die BVG-App, die mir bei einer Verbindungssuche gestern vorschlug, ich solle lieber Rad fahren, das sei schneller.

Als ich die schwere Glastür zur Straße erreiche, lese ich in darauf in Großbuchstaben das Wort DRÜCKEN. Mir fällt plötzlich ein, wie meine Mutter mich früher bei solchen Schildern manchmal kurz in den Arm nahm und einen Moment drückte, bevor wir weitergingen. Vor Türen, vor Druckknopfampeln, „Wieso, steht doch da!?“ sagte sie dann scheinheilig, wenn ich widerborstig protestierte. Ich schätze, da war ich etwa 16. Heute bringt mich diese Erinnerung zum Lächeln.

Zu Hause angekommen, erzähle ich meinen Söhnen von der Durchsage im Warenhaus.

„O Gott“ sagt der eine blass. „Hätten sie wenigstens nicht ihren kompletten Namen genannt!“
„O Gott“, sagt der andere und schlägt sich ungläubig vor die Stirn, „hätten sie wenigstens nicht Papa gesagt!“ Danach versichern sich beide kurz, dass ich ihnen so etwas nie antun würde, und bedanken sich mit einem anerkennenden Highfive.

Ein Highfive, gut und schön, ohne Frage.  Aber unter uns – das mit dem DRÜCKEN werde ich bei Gelegenheit glaube ich auch mal ausprobieren.

(Susanne Riedel, Juli 2020)

Susanne Riedel: Oh Anna

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