Manche Dinge machen mich nachdenklich.

Die Sache mit dem Theorie-Praxis-Transfer ist selten banal, das weiß ich von Berufs wegen, aber auch im Alltag fällt mir das auf.

Aktuell ist das beispielsweise bei dem einen Türsteher unserer Lidl-Filiale zu beobachten, der die Griffe der Einkaufswagen desinfiziert. Er macht das genau in dem Moment, wenn Kunde A den Wagen zurückgebracht und angeschlossen, Kunde B diesen dann wieder abgeschlossen, die vom Warten in der Sonne schwitzigen Hände eng um die noch warme Plastikstange geschlungen und zum Eingang geschoben hat. In dem Moment kommt er angewischt. Maximaler Unsinn, Dr. Drosten würde sich die wirren Haare raufen. Aber als ich einmal anhob, das anzusprechen, blickte ich in ein Gesicht, das so leer war, dass mein guter Wille versank wie einst Atrejus Pferd in den Sümpfen der Traurigkeit. Blubb.

Ein anderes Thema, das mich in puncto Theorie und Praxis gerade sehr beschäftigt, ist der Brandschutz.
Nach dem aktuellen Gesetz sind inzwischen Rauchmelder in jedem Raum einer jeden Wohnung unseres fünfgeschossigen Mietshauses angebracht worden.

Seither hatten wir mehr Kontakt zu den Nachbarn als in den letzten 17 Jahren.

Vor ein paar Monaten an einem Sonntagmorgen hat es angefangen. Da war unser Rauchmelder im Schlafzimmer das erste Mal mit ohrenbetäubendem Piepen angesprungen. Aus heiterem Himmel.  Kein Rauch, nirgends. Während wir noch die Leiter holten, um an die hohe Altbaudecke heranzukommen, erkundigten sich schon diverse beunruhigte Nachbarn in Pyjama und Pantoffeln, ob alles in Ordnung sei. Einer hatte seinen Feuerlöscher mitgebracht, die Familie mit den Kleinkindern aus dem Erdgeschoss war direkt auf die Straße gelaufen.
Nachdem das Piepsen abgestellt war, löste sich die aufgeregte Versammlung zögernd auf.

Seither piepst es öfter mal im Haus. Alle haben das gleiche Modell. Aber man gewöhnt sich ja an so vieles.
Inzwischen wartet man dann einfach ein paar Minuten. Keiner klingelt mehr beim anderen, keiner schnuppert, ob es im Hausflur brenzlig riecht, niemand rennt mehr auf die Straße.

Meine Mutter hat uns früher beim Spielen immer verboten, aus Spaß „Hilfe!“ zu rufen. Sie sagte, wenn wir denn wirklich mal Hilfe benötigten, dann würde das keiner mehr ernstnehmen.

Das ist das gleiche Prinzip. Ich glaube, was bei uns im Haus gerade passiert, ist irgendwie das Gegenteil einer Brandschutzmaßnahme. Es ist eher eine Desensibilisierungskampagne.

Gerade habe ich meiner Nachbarin eine Nachricht geschrieben.  Sie ist offenbar nicht zu Hause, denn das Gerät piept nun schon seit anderthalb Stunden. Seit anderthalb Stunden fühle ich mich als würde ich am Heck eines BSR-Wagens im Rückwärtsgang hängen. Meine Nerven sind mürbe. Da höre ich ein Schließen an der Nachbarwohnung, kurz darauf verstummt das Piepen. 10 Minuten später springt es wieder an, dann ist wieder Stille. Nach weiteren 10 Minuten piepst es wieder, aber diesmal klingt es weiter weg.
Mein Handy ist es nicht, das ist jetzt immer stumm geschaltet, aber das Display zeigt eine SMS meiner Nachbarin:
„Musste wieder zur Arbeit. Das Gerät springt immer nach 10 Minuten wieder an, habe es bei Ahmet im Erdgeschoss abgegeben, der hat heute Zeit und passt drauf auf.“

Wir vermuten ja stark, dass unser Vermieter wieder einmal Geld sparen wollte und deshalb bei einem Sonderangebot zugegriffen hat. Aber wer in Berlin wohnt und unter 1000,-€ warm zahlt, der beschwert sich nicht bei seinem Vermieter wegen eines lächerlichen Rauchmelders. Der verhält sich unauffällig und wünscht ihm gute Gesundheit und ein langes Leben.

Vielleicht könnten wir einen Plan aushängen, mit dem wir unsere Urlaube künftig abstimmen, so wäre immer einer für die Rauchmelder da.
Die Kinder sind groß, jetzt haben wir Rauchmelder.
Es ist wie es ist.

(Susanne Riedel, Mai 2020)

Susanne Riedel: Piepsshow

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Ein Gedanke zu „Susanne Riedel: Piepsshow

  1. Da hat der Vermieter sehr deutlich zu Lasten der Mieter gespart.

    In meiner Genossenschaftswohnung kommt seit 3 Jahren fröhlich der Techniker zum Wartungstermin, und ich kann keine Auffälligkeiten berichten. Hohe Decken mit 3,20m sind hier vorhanden, aber kein Bedarf fürs Leiterkrabbeln.

    Grüße von U7-Fan. :-)

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