Der Himmel graut und Regen fällt
Auch nieselt´s im Gemüte
Es ist die Zeit für
Lockdowndepressionen erster Güte

Gerade habe ich mir einen Tee gekocht. Einen Tea, vielmehr, einen Tea mit Namen: Positivitea.
Seit ich mal einen Text darüber geschrieben habe, wie sehr mir diese esoterischen Teebeutel-Sprüche auf den Keks gehen (also auf den Glückskeks, sozusagen), ist mein Schrank voll mit dem Zeug, denn seither kriege ich von allen möglichen Freunden und Bekannten ständig Tee geschenkt.  Damit hatte ich nicht gerechnet.
Ich habe inzwischen von einem Kollegen gehört, in dessen Geschichten öfter Schnapspralinen auftauchen. Der kriegt seither immer Schnapspralinen geschenkt. Der hat alles richtig gemacht. Muss man sich halt einfach vorher überlegen, worüber man so schreibt, das war mir nicht klar. Ich muss gucken, dass ich in meinen Geschichten zukünftig öfter über Käse-Nachos schreibe. Oder Salzmandelschokolade. Oder Tequila. Möglichst beiläufig, versteht sich. Und dann schauen wir mal.

Der Teebeutel vom Positivitea jedenfalls verkündet heute die Botschaft:
„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“

Was verstehen die denn bitte unter positiven Nachrichten? Die Endverbraucherin kriegt schon wieder Puls. Ähnlich wie gestern Abend , ich wollte mir vor dem Schlafengehen noch was Gutes tun, da stand auf dem Sweet-Dreams-Teebeutel
„Den Ort, an dem Du Dich gerade befindest, hat Gott auf einer Karten eingekreist“.
Warum?! fragt man sich da doch. Und: braucht Gott ne Karte? Kennt der sich nich aus?! Spontan kam mir auch das Bild einer Dartscheibe in den Kopf. Ich, rot eingekreist, im Bulls Eye eines göttlichen Dartturniers… Es würde so viel erklären.

Dabei gebe ich mir im Moment wirklich allergrößte Mühe, das Gute zu finden. Gute Nachrichten zu sammeln. Zwischen all den Dramen, zwischen Coronastatistiken, Umweltkatastrophen, Unmenschenrecht und Feindseligkeiten aus aller Welt, finde ich es nicht banal, welche zu finden. Umso mehr sollte man sie feiern. (Ich persönlich feiere ja am liebsten mit Käse-Nachos, Salzmandelschokolade und etwas Tequila, aber das nur am Rande.)

Ein schönes Beispiel für eine positive Nachricht, von der ich nun schon seit Tagen zehre, ist die Meldung über zwei neu entdeckte Spezies des Großflugbeutlers.
Auf dem Foto zur Meldung sieht man ein flauschiges Pelzknäuel mit großen Augen und wachem Blick, Plüschfüßen und noch riesigen Ohren, optisch irgendwas zwischen Fledermaus und Yeti. Diese Ohren sind – wie soll ich sie beschreiben? Sie erinnern in der Form ein bisschen an Käsen-Nachos, die mandelörmigen Augen haben die Farbe von feinster Schokolade.
Ich wusste bis vor kurzem gar nicht, dass es diese Tierart überhaupt gibt, und nun gibt es sogar drei davon. Das ist doch wirklich mal eine gute Nachricht. Da kann man schon mal einen Tequila drauf trinken.

Zum einen ist das Entdecken einer neuen Tierart ja immer etwas Aufregendes. Und wenn man beim Recherchieren auf so sympathische Wörter stößt wie „Pelzflatterer“ und „Flattermaki“ , dann ist die eigene Welt am Ende des Tages einfach um einiges reicher.

Zum anderen ist es so, dass man sich mit solchen flauschigen Meldungen auch ganz praktisch wappnen kann gegen alle mögliche Unbill.

Ich zum Beispiel bin dazu übergegangen, auf die rechtspopulistischen Whatsapp-Nachrichten meines Querdenker-Cousins Rainer nicht mehr mit Schnappatmung und langwierigen Diskussionsbeiträgen zu reagieren. Sondern mit Katzenvideos. Oder Blümchenbildern. Bzw. heute eben – als Antwort auf eine Liebeserklärung an Donald Trump und eine hasserfüllte Auslassung gegen linksversiffte Schlafschafe hin – mit dem Foto des südlichen Großflugbeutlers. Einfach so, kommentarlos.
Ab da gibt es zwei Möglichkeiten:
a) Es macht ihn wahnsinnig und er fühlt sich nicht ernst genommen, oder b) er ist so verzückt, dass er danach Smileys zurückschickt, die mit den Herzchenaugen, und eine Weile über nichts anderes mehr redet.
Beides finde ich gut.
Ich kann nicht verlieren.
Katzenvideos gegen Querdenker: Probiert es mal aus. Wenn wir jetzt alle zusammenhalten, können wir da vielleicht was reißen.

Und der Großflugbeutler war ja jetzt auch nur ein Beispiel für eine der gute Nachricht. Wenn man die Augen offen hält, findet man durchaus noch mehr. Der Papst befürwortet plötzlich schwule Lebenspartnerschaften, das ging ziemlich unter. Trump verlässt das weiße Haus, wenn er sich nicht noch irgendwo festkettet. In meinem Späti führen sie jetzt Käse-Nachos und Salzmandelschokolade. Und: der Braune Bär ist der Schmetterling des Jahres 2021.
Ein Satz, den man sich schon mal auf der Zunge zergehen lassen kann.
Am besten zusammen mit einem schönen Tequila.

 

(C) Susanne Riedel, November 2020 

Lesestoff im November – Susanne Riedel: Positivitea

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2 Gedanken zu „Lesestoff im November – Susanne Riedel: Positivitea

  1. Wer war das mit den Schnapspralinen? – Ich hab in meinen Texten jahrzehntelang Kuemmerling, Jägermeister und edelste Whiskies getrunken, und nix hab ich gekriegt! Die Welt ist nicht gerecht.

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