„Ich bin alt, Gandalf. Man sieht es mir nicht an, aber im tiefsten Herzensgrunde fühle ich es. Ich, ich komme mir ganz dünn vor, ausgemergelt, wie Butter auf zu viel Brot verstrichen.“
(J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe)

Ein Samstagmittag im Juni. Corona zerrt an den Nerven, die Luft unter der Wolkendecke ist stickig, die nächste Hitzewelle rollt schon heran und jetzt ist auch noch Bilbo tot. Also Ian Holm ist tot, der Schauspieler, aber das ist ja in manchen Fällen vom Gefühl her schwer zu trennen.
Beim Frühstück vorhin fiel es mir ein, dieses schöne Zitat, gerade als ich die Butter auf meinem Brot verstrich. Ganz dünn. Wenigstens die Butter, ganz dünn, ach.

An Tagen wie diesem muss ich aufpassen, nicht in Trägheit und Melancholie zu verdümpeln, da gilt es, rechtzeitig die Weichen zu stellen und einen Plan zu machen. „Hopp hopp, keine Müdigkeit vorschützen!“ hallt die Stimme meiner Mutter selig durch die linke Gehirnhälfte, während im Hintergrund der rechten mein neues Lieblingslied von Elen läuft: Liegen / Ich will einfach nur liegen / Für immer hier Liegen / Liegen ist Frieden.

Ein Plan muss her, nur – was für einer?
Ich hab´s. Die Freibäder haben ja wieder geöffnet, auch das Sommerbad am Insulaner, ich werde heute also einfach mal wieder schwimmen gehen. Schwimmen ist neben Radfahren die einzige Art von sportlicher Betätigung, die mir nicht wehtut. Im Gegensatz zu meinem Sportstudio wird hier auch keine Maskenpflicht herrschen, das nehme ich jedenfalls stark an. Ich lese lieber nochmal nach.
Auf der Seite der Berliner Bäderbetriebe sind die Modalitäten des Online-Ticketverkaufs erklärt, außerdem gibt es einen eigenen Punkt mit der schönen Überschrift Verkehrsregeln im Becken. Dazu habe ich jetzt verschiedene Bilder, die sich im folgenden Text aber etwas schärfen.

„In den Schwimmbecken sind Doppelbahnen abgeteilt. Geschwommen wird hintereinander im Rechtsverkehr. Schwimmen Sie die Bahnen bitte zu Ende, bis der andere Beckenrand erreicht ist und drehen Sie nicht unterwegs um. Überholen ist nur möglich am Beckenrand, wenn das Ende der Bahn erreicht ist. Pro Doppelbahn können in einem 50-Meter-Becken max. 18 Personen schwimmen.“

In meinem Kopf entsteht sofort eine Textaufgabe. In der Art von Wenn pro Doppelbahn in einem 50-Meter-Becken 18 Personen schwimmen, und drei 80 Jahre alte Damen mit vier Kindern am Beckenrand Fünfe gerade sein lassen – wie heißt der Bademeister?
Es war vielleicht doch ein bißchen viel Homeschooling in letzter Zeit. Bald hab ich ja Ferien.

Die gepackte Badetasche im Fahrradkorb radle ich munter die Sedanstraße entlang Richtung Sommerbad am Insulaner. Auf den letzten Metern des steilen Anstiegs komme ich ganz schön ins Schnaufen und werde in einem Affenzahn und mit erschütternder Lässigkeit von einem alten Mann überholt. Als ich an der Ampel hinter ihm zum Stehen komme, sehe ich mit einer gewissen Erleichterung, dass sein Rad über einen Elektroantrieb verfügt.

Im Schwimmbad angekommen laufe ich Richtung Umkleide.
Alles hier atmet Sechzigerjahre. Ein Betonkrokodil, das mal eine Kinderrutsche war, steht mit einem verlausten Blumentopf auf dem Kopf als Deko am Wegesrand. Allein die Schilder. Aborte Herren. Keine Schuhe. Rauchen verboten.

Beim Umziehen merke ich, dass ich mein Haargummi vergessen habe. Mist. Die langen Haare stören mich immer so beim Schwimmen. Aber Not macht erfinderisch, die Unterhose tut es auch, und das Punktemuster sieht nach einigem Verknoten sogar ganz hübsch aus, das merkt kein Mensch.

Ich lasse mich zu Wasser und ziehe zufrieden meine Doppelbahnen im Rechtsverkehr. Wir sind nur zu dritt in dieser Spur, es ist angenehm viel Platz.
Entspannt lasse ich meine Gedanken treiben, Schwimmzug um Schwimmzug, und gucke mir die Gegend an.
Trotz der wenigen Menschen entdecke ich unglaublich viele Tattoos. Unter der Dusche am Rand zum Beispiel steht gerade einer, der offenbar eine dreijährige Tochter namens Marie hat, ein herzförmiges Blatt an einer Ranke verrät das Geburtsdatum. Der Typ vor mir in der roten Badehose heißt Frank und hat am 05.05.2005 Doreen geheiratet, so verkündet es zumindest sein linkes Schulterblatt. Irgendwie ist mir das viel zu viel Information. Ich frage mich, ob das die gleich Leute sind, die sich die Corona-App aus Sorge um ihre persönlichen Daten nicht runterladen.

Rechts am Beckenrand verschnauft gerade eine sehr schwangere Frau. Ihr enormer Bauch sieht aus wie ein Planet kurz vor der Explosion und ist über und über mit blauen Adern durchzogen. Bei näherer Betrachtung ist es aber doch eine Art Gecko. Also, mal gewesen.

Ich persönlich habe ja bislang keine Erfahrung mit Tätowierungen. Außer dass ich bei meiner Krampfader am linken Bein immer versuche, so selbstbewusst zu gucken als wäre es eine sorgsam gestochene Erinnerung in Form der Insel Hiddensee.

Schwimmzug um Schwimmzug, Bahn um Bahn. Ich halte mich für eine ganz passable Schwimmerin, deshalb kränkt es mich ein wenig, dass Frank mich gerade zum zweiten Mal überholt. Und zwar diesmal, indem er unter mir durchtaucht. Unter mir durch!  Staunend beobachte ich, wie er vorbeizieht, ganz unten am Beckenboden. Mein Unterbewußtsein sucht den Elektromotor. Da beginnt es zu regnen.
Ein regelrechter Wolkenbruch. Der Bademeister holt sich den roten Langnese-Schirm vom Kaffeestand, damit läuft er am Beckenrand entlang und gibt ein recht kurioses Bild ab. Ich schwimme gerne bei Regen. Es schüttet wie aus Eimern, viele Badegäste verlassen das Wasser. Ein Mann holt seine Frau mit dem Regenschirm am Beckenrand ab (!), was mich so zum Lachen bringt, dass ich mich am Chlorwasser verschlucke. Ich höre dann aber auch auf zu lachen, weil mir aufgeht, dass meine Unterhose jetzt klatschnass ist.

Auf dem Weg zur Umkleide komme ich am Duschbecken vorbei, auf einem kräftigen Oberarm prangt ein weiteres Geburtsdatum, diesmal ein 11.1. .
Bilbos Geburtstag kommt mir in den Sinn. Und für einen Moment stelle ich mir vor, mich auf den Startblock zu stellen und eine Rede zu halten.

„Ich kenn die Hälfte von euch nicht halb so gut wie ich es gerne möchte und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern wie ihr es verdient!“

Aber ich habe keinen Ring, der mich danach wegzaubern würde. Nur eine nasse Unterhose auf dem Kopf. Ein Umstand, den man in solchen Momenten nicht aus den Augen verlieren sollte.

(Susanne Riedel, Juni 2020)

Susanne Riedel: Rechtsverkehr im Sommerbad

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