Aprilwetter. Ende März. Ich ziehe die Schultern höher und luge aus meiner warmen Kapuze in die kühle Welt. Der Wind weht heftig und bläst hier und da altes Laub durch die Gegend, vielleicht sind es auch Spatzen, ich sehe es ohne Brille nicht so genau. Aus grauen Wolken beginnt es gerade, auf mich hernieder zu regnen, als der Bus endlich um die Ecke kommt.

Rasch ziehe ich die Maske auf und steige ein. Ich krame das ausgedruckte Ticket aus der Tasche, um nochmal die Details zum Einlass zu studieren. „Bringen Sie das ausgedruckte Ticket zum Event mit“ steht darauf.  Ich lese den Satz gleich nochmal, denn ich stelle fest:  er macht was mit mir. Ein Hauch von positiver Stimmung weht mich an. Ein Event, denke ich, ich fahre zu einem EVENT. Ich habe eine TICKET. Das gab es echt lange nicht.
Dass es sich bei diesem Event in dem Fall nur um einen Corona-Schnelltest im Covidzentrum der Schlossstraße handelt, versuche ich mir nicht weiter zu vergegenwärtigen. Ich fahre zu einem Event. Ich habe ein Ticket. So what. Wenn mich schon mal gute Laune anweht, dann werde ich den Teufel tun und sie kleinreden. Die weht im Moment nämlich nicht so oft.
Ich summe beschwingt eine Melodie vor mich hin, und stelle nach einer Weile fest, dass es ein alter Tracy Chapman Song ist. „She´s got a ticket, I think she´s gonna use it“. Was mein Unterbewußtsein manchmal so zutage fördert. Ich schließe kurz die Augen. Ganz kurz, denn an der nächsten Haltestelle steigt ein Kontrolleur zu. „Einmal die Fahrausweise, bitte“ ruft er, wobei – eigentlich singt er es mehr. „She´s got a ticket to ride” möchte ich zurücksingen, Beatles immerhin, mein Schlager-Tourette hat heute seinen englischen Tag, wie es scheint.
Ich halte dem Kontrolleur mit maximaler Armlänge und einer Bewegung, die sich seltsam dramatisch anfühlt, meine Fahrcard entgegen, er tut das gleiche, quasi gespiegelt, mit dem Lesegerät.
Für einen Moment betrachte ich die Szene von oben. In einem anderen Leben wäre dies eine 1A Aufforderung zum Tanz. Wir würden das Parkett betreten und umeinander herumwirbeln was das Zeug hält. Wer weiß, denke ich. Der war vielleicht auch nicht immer Kontrolleur. Vielleicht auch ein arbeitsloser Künstler, Tänzer vielleicht, der nach nunmehr einem Jahr Tanzverbot jetzt einen anderen Job suchen musste, und das Beste draus macht. Weiß man´s?
Der Mann, der beim Lidl die Einkaufswagen desinfiziert, hat die Warteschlange der Kunden auch auf eine Art im Griff, dass ich denke, der hat vor Corona als Türsteher im Berghain gearbeitet.

Das Lesegerät piept zufrieden. Freundliche braune Augen schauen mich über den Maskenrand hinweg an, mit sonorem Bass wünscht mir einen schönen Tag. Kontrollier misch, denke ich. Wünsche ihm aber auch nur einen schönen Tag. Eine Sonntagsausgabe von Kontrolleur. Deutlich anders als sonst.

Vor ein paar Wochen in der U7 zum Beispiel. Da waren sie gleich im Rudel gekommen. Ganz ehrlich, manchmal kontrollieren einen ja so Leute, da möchtest Du doch instinktiv lieber die Hände über den Kopf nehmen statt in die Jackentasche zu greifen und ein Dokument vorzuzeigen, das dem sagt, wo Dein Haus wohnt.
Und dann gucken die auch immer wie Bruce Willis, irgendwie, also Bruce Willis, wenn er einen echt miesen Tag hatte, und wie die das Ablesegerät halten! Alter Verwalter. In einem anderen Leben wäre das ne 9mm.
Damals waren noch Stoffmasken erlaubt, ich erinnere mich besonders an die von dem einen Kontrolleur: auf schwarzem Stoff hatte mir das aufgedruckte Bild von zwei ineinander verbissenen Kampfhunden entgegen geleuchtet. Schweißperlen hatten sich auf meiner Stirn gebildet, als er das Lesegerät auf mich richtete. Ja, ich hatte einen gültigen Fahrschein. Aber in dem Moment wünschte ich mir inständig, ich hätte noch einen zweiten in der Tasche. Zur Sicherheit.

Die Ansage ertönt. „Nächster Halt: Kieler Straße“. Lila Straße hatte mein Sohn als kleines Kind immer verstanden, das mochte ich. Nach wenigen Schritten finde ich in einem leergeräumten Laden im Erdgeschoss eines Altbaus das Covidzentrum.
Ich betrete den Laden. Oder mehr noch: ich betrete ein Paralleluniversum. Stylische Lounge Musik mit satten Bässen liegt über dem großen Raum. Ein junger Mann mit lässig gestyltem Haarschnitt über dem Augenbrauenpiercing checkt mein Ticket, während er weiter zur Musik wippt. Dann schaut er auf. Dem fragenden Ausdruck seiner Augen nach schätze ich, dass er was gesagt hat, aber bei der Musik verstehe ich leider kein Wort. Ich nicke trotzdem im Takt der Musik. Es ist herrlich. Ich unterdrücke den Impuls, ein Bier zu bestellen und ihm mein Handgelenk hinzuhalten, für einen Stempel. Er deutet auf die Pfeile auf dem Boden, denen ich beherzt folge.
Hinter einem Vorhang wartet der nächste junge Mann, der zur Musik wippt, und dessen Gemurmel hinter der Maske ich nicht verstehe. Ich verstehe so viel: er ist der Meister der Stäbchen. In einem anderen Leben würde ich jetzt vielleicht ein Kappa Maki mit extra Wasabi und eine Misosuppe bestellen. Stattdessen nimmt der arme Kerl einen Rachen- und Nasenabstrich bei dieser ihm unbekannten Frau ausgeprägtem Würgereflex. Ich wünsche ihm von Herzen, dass das Leben langfristig noch andere Dinge für ihn bereithält.
Und vielleicht macht er sich auch Gedanken, während sie sich mit einem Taschentuch die tränenden Augen wischt. Wer die wohl ist. Und was die sonst wohl gerade machen würde. In einem anderen Leben. Ohne Corona.

Sie würde einen anderen Text schreiben, so viel ist sicher. Doch solange die Bühnen geschlossen haben, ist es das, was uns bleibt: der Besuch im Kopfkino.

Als ich vor die Tür trete, hat der Regen aufgehört. Ein Regenbogen überspannt die rot leuchtenden nassen Dächer. Die Maske rutscht mir in die Augen, das tut sie immer, wenn ich lächeln muss. Summend stelle mich an die Lila Straße und warte auf den Bus. Where troubles melt like lemondrops.
We´re on the road to nowhere.
We can dance if we want to.

Was für ein schöner Abschluss für dieses Event.

(Susanne Riedel, März 2021)

Susanne Riedel: Sag mir, wo die Männer sind

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