Ostersonntag. Der Himmel ist blau, die Clematis räkelt sich, Amseln singen und die Sonne gibt alles – ein echter Frühlingstag.
Ich bin tatsächlich sehr dankbar, dass uns diese fiese Krise nicht im tiefsten Herbst oder Winter erwischt hat. Flora und Fauna, die von Corona nichts wissen und einfach machen was sie immer machen – das hat etwas Tröstliches. Man kann jederzeit bei offenem Fenster oder auf dem Balkon sitzen und frische Luft schnappen und man kann spazieren gehen.
Spazieren gehen. Outdoor. Der neue Volkssport des quarantänegequälten Großstädters. Auf den Parkwegen den Mindestabstand einzuhalten ist schier unmöglich, als ich gestern am Teltowkanal ankam, dachte ich erst, das wäre ne Demo.
Und immer wieder sehe ich Familien, wo ich denke – die sind in ihrem Leben bestimmt noch nie spazieren gegangen. Vorsichtig setzen sie einen Fuß vor den anderen… schauen sich scheu um, ob es so richtig ist… Und dann? Lächeln sie.
Alle lächeln.
Ich habe noch nie so viele Menschen lächeln sehen wie derzeit beim Spazieren gehen am Teltowkanal, die lächeln sogar durch den Mundschutz durch, es ist ein bißchen spooky. Ich meine – sind wir hier in BERLIN, oder was?!
(Nein, in Steglitz, sagt Hans an dieser Stelle. Das hab ich gehört!)

Was soll ich sagen, auch ich bin Teil dieser lächelnden spazierenden Menge. Auf diesen Reflex ist ja Verlass: Verbiete mir was, und ich will nichts anderes. Mir sollte mal jemand Salat verbieten, das wäre förderlich. Aber das ist ein anderes Thema.

Und das mit dem Lächeln?
Bei mir ist es glaube ich eher so ein entschuldigendes Lächeln, denn ich empfinde es einfach immer noch als sehr unhöflich, einen betont großen Bogen um meine Mitmenschen zu machen. Das sitzt so in mir drin, ich bin ein Menschenfreund, warum auch immer, andere zu beleidigen liegt mir fern. Also, meistens. Auch umgekehrt ist es so: Trotz aller Vernunft und obwohl das virologisch wirklich alles großen Sinn macht, finde ich es tief im Innern einfach ein klitzekleines bißchen kränkend, wenn Menschen mich von Weitem taxieren und dann sie Straßenseite wechseln. Aber möglicherweise meldet sich da auch nur die überreflektierte Sozialarbeiterin zu Wort, die mir ja auch innewohnt. Ich erinnere mich daran, wie ich Ende Februar mit der S1 zum Frühschoppen fuhr. Corona hatte Europa noch nicht erreicht und galt noch als Chinesisches Problem. Damals. Vor ein paar Wochen.

Direkt mir gegenüber im Viererabteil der S-Bahn hatte sich ein junges asiatisches Paar hingesetzt. Der Typ war bleich, roch nach altem Schweiß und seine Schnapsfahne war atemberaubend. Alle im umliegenden Bereich wechselten sofort die Sitzplätze. Nur ich, ich hatte wieder Angst, dass es aussehen könnte, als hätte ich was gegen Asiaten, wenn ich jetzt aufstehe. Das mit der Verhältnismäßigkeit muss ich glaube ich langfristig mal in den Griff kriegen.

Als ich auf dem Heimweg vom Spaziergang an der Bushaltestelle vorbeikomme, hält gerade der 283er. Durch die Frontscheibe bedeutet der Fahrer einer älteren Dame sehr höflich, dass der Einstieg derzeit hinten sei, sie sich aber ruhig Zeit lassen könne. Berlin, was ist aus Dir geworden.

An dem Tag, an dem der erste Busfahrer wieder brüllt: der Einstieg is vorne, du Pfeife!  werde ich einen Freudentanz aufführen.

Im Stadtpark ist dann ja wieder genug Platz.

 

(Susanne Riedel, April 2020)

Susanne Riedel: Spazieren gehen

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It