Diese Zeit der Pandemie geht mir langsam gehörig auf den Zeiger, auf die Nerven, aufs Gemüt.
Heute ist wieder so ein Tag. Sonntagmorgen, es regnet. Die Nachrichten erzählen von der nahenden Entscheidung zwischen Pest und Cholera bei der CDU, von steigenden Inzidenzen ist mal wieder die Rede und aus Indien naht auch gerade nichts Gutes. Früher war´s die Tante aus Marokko, heute isses die Mutante aus Indien, und die kommt, hip hop.

Ich schließe die aktuellen Meldungen auf dem Display. Ich glaub, ich lass das heute einfach mal mit den Nachrichten. Sonntagsblues, ick hör dir trapsen…
Da gilt es, gegenzusteuern.

Gott sei Dank gibt es ja viele Menschen, die – im Gegensatz zu mir – ganz genau wissen, was ich brauche.
Da reicht ein Blick in meinen Posteingang, schauen wir doch mal, was er heute bereithält.

Da ist zunächst eine Mail von nebenan.de. Mir wird mitgeteilt, dass es in meiner Nachbarschaft ein fantastisches neues Angebot gibt – eine Outdoor-Sportgruppe, die sich ab sofort regelmäßig zum Hormonyoga trifft. Im Stadtpark. Aaah ja, denke ich, scrolle aber lieber schnell weiter, bevor die aufsteigenden Bilder vor meinem inneren Auge zu viele Kontur annehmen.
Ich bin ja schon mit der Meditations-App neulich nicht klar gekommen, immer soll man sich da entspannen und in Gedanken spazieren und sich auf eine Wiese legen und an der Stelle denk ich immer nur Ey, wo habt Ihr das denn aufgenommen? Ich wohne in Berlin, hier is alles voller Hundescheiße, ich kann mich da nich einfach hinlegen, Ihr *%$!x# !?
Die Sache mit der Entspannung. Ich arbeite dran.

Nächste Mail.
Auch der Tagesspiegel schreibt sehr freundlich und empfiehlt mir den folgenden  Artikel:
Besser leben mit 50plus: Wie Sie mit 50 Jahren am Aktienmarkt noch zum Millionär werden können.
Das ist doch mal eine feine Idee. Millionär werden, ich glaube, das wäre was für mich. Ich markiere die Nachricht als ungelesen und scrolle weiter.

Passend zum Thema finde ich eine Mail von der IBB. Ich soll selbst rückwirkend meine Anspruchsberechtigung für die gewährte Corona-Hilfe überprüfen, eine Checkliste ist beigefügt. Unter Punkt 4 steht die schöne Frage „Bin ich ein Unternehmen in Schwierigkeiten?“
Die Frage lasse ich mal wirken.
„Liebe IBB“, würde ich gerne antworten, „diese Frage stelle ich mir schon ein Leben lang. Sagen Sie´s mir.“
Löschen. Weiter.

Schau an, auch Facebook schreibt mir. Sie haben eine neuen Kontaktvorschlag für mich.
Oha. Offenbar haben sie aus meinen liebsten Reisezielen, meinen Hobbys und meinem finanziellen Status den perfekten Mann für mich gebacken: Das Profil zeigt einen gutaussehenden in Oslo geborenen, in Athen lebenden selbständigen Coach namens Johan Björn. Interessen: Lesen, Musik hören, Kochen, Schwimmen, Investitionen.
Ich hasse mich ein bisschen dafür, wie ansprechend ich ihn finde, und scrolle lieber schnell weiter.

Amazon schreibt, auch das noch. „Frau Riedel, wir denken, das folgende Produkt könnte für Sie interessant sein!“
Ein Buch wird mir empfohlen, Titel: „Ich hab mit Ingwertee gegoogelt“ von Susanne M. Riedel.
Ein Hoch auf die Kundenanalyse. Mit diesem Algorithmus würde ich wirklich gern mal ein Bier trinken gehen.

Na gut, nächste Mail.
Ach guck, mal ein privater Absender. Meine Tante schickt mir den Zugangscode zu meinem Geburtstagsgeschenk: ein Online-Kurs in Köln. Gag-Schreiben – ein Aufbaukurs.  Da hab ich mich gefreut.
Sie hat auch bald Geburtstag, ich überlege, was ich Ihr zurückschenken könnte. Vielleicht ein Buch: „Kochen, aber richtig“. In einfacher Sprache.

Es folgen noch eine Einladung vom Kieser Training – man habe mich so lange nicht gesehen-, eine Mail vom Schulsekretariat – bitte lassen Sie ihre Kinder auf keinen Fall das Jahr wiederholen! Waren die Gespräche früher nicht andersrum? – und eine Nachbarin aus dem Haus bietet mir einen Dinkelsauerteig namens Harry im Tausch gegen eine Flasche Wein an.

Ich schließe mein Mailprogramm.

Man mag ja dieser Tage oft das Gefühl haben, die Möglichkeiten seien begrenzt, aber man muss nur mal genau hinschauen:
Hormonyoga im Stadtpark, Millionär werden, Sauerteig backen, Süßholz raspeln  – vieles ist möglich.

Always look on the bright side of life.

(C) Susanne Riedel, April 2021

Susanne Riedel: Was ich wirklich brauche

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