Wer wie ich regelmäßig Bus fährt – oder fuhr, damals, bevor diese fiese Krise unseren bisherigen Alltag vom Platz fegte – der kennt es, das Phänomen des telefonierenden Mitmenschen. Man hört mit, ob man will oder nicht, das ist mitunter sehr nervig. Vor allem, weil ich nicht so recht abstellen kann, dass mein Kopf versucht, die Geschichte hinter den Halbsätzen zusammenzusetzen, egal wie langweilig sie sind. Ich erinnere mich an Sätze wie
„Nee, Hase, jibt gleich Abendbrot, ick mach dir dann noch die Füße“ ,
„Die Ärztin hat gesagt, ich bin schwanger, woher denn nu, frag ich Dich?!“
oder auch ganz groß „Nee, keinen Bock auf Gericht heute, Alter, is so schönes Wetter… jetzt mach dir ma nich ins Hemd, die reden nicht mit der Polizei, das is geregelt.“

Je nachdem kann man dann die Augen rollen, in die Sitzlehne beißen oder möglichst unauffällig aussteigen und lieber den nächsten Bus nehmen.

Telefonate in den Öffis werden ja in der Regel angefangen mit einem einigermaßen sinnfreien „Hallo, ich bin´s!“, dicht gefolgt von „Wo bist du gerade?“

Diese Floskel fällt nun gerade weg. In Corona Zeiten sind wir zu Hause. Alle sind zu Hause. Together at home, um mit Lady Gaga zu sprechen. Und die Wiederentdeckung des Festnetztelefons ist eine der seltsamen Randerscheinungen dieser Zeit.

Der Eröffnungssatz der Stunde heißt also nunmehr: „Na, was machst du gerade?
Je nachdem, wer dran ist, kann man diesen Satz mehr oder weniger ehrlich beantworten mit „Ich lese gerade Camus“ oder „Ich schneide mir gerade die Fußnägel“.
Die schönsten Antworten, die ich in letzter Zeit bekommen habe waren „Ich nähe gerade den Insektenschutz meines Fahrradhelms“, „Ich bastle gerade Tier aus Klopapierrollen“ und „Ich schreibe gerade ein neues Lied über Federball auf dem Balkon“. Ich glaube, ich bin nicht die einzige, die langsam ein bißchen am Rad dreht.

Sonntagmittag, gleich 13 Uhr. Schlotlose Zeiten. Wenn mich jetzt jemand anruft und fragt „Was machst du gerade?“ Die Antwort wäre: „Mir Gedanken.“
Über die Redewendung Mir fällt die Decke auf den Kopf, zum Beispiel.
Das ist bisher nicht passiert, aber der Putz rieselt doch bedenklich. Und wenn mir jetzt schon die fremden Menschen in der BVG fehlen, dann ist es vermutlich ernster als ich dachte.

(Susanne Riedel, April 2020)

Susanne Riedel: Was machst du gerade?

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It